Jakob Augstein und die große Heimsuchung

Über vergangenen und zukünftigen Antisemitismus!

Trauer um tote Juden, Solidarität mit lebenden!

Die Antisemitismus-Debatte um Jakob Augstein kann als die Fortsetzung des Historikerstreits in die Gegenwart betrachtet werden. Augenfällig dabei ist, wie Deutsche sich gegenseitig versichernd vorgeben, ihre Lektion gelernt zu haben und gerade durch ihre heftigen Reaktionen, wenn es um Israel geht, im Jahr 68 n. A. (nach Auschwitz) erahnen lassen, welch` Pensum dazu noch erforderlich sein wird.

Eine Kommentierung der Causa Jakob Augstein und Beschreibung des „deutschen Status Quo“ liefert der faktenreiche Beitrag „Die große Heimsuchung“ von Rainer Trampert, dessen Erstveröffentlichung in der Wochzeitung Jungle World erfolgte.

Die Einstellung des Gastbeitrages erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Von Rainer Trampert.

Große Erregung! Überall drängeln sich wieder deutsche Kronzeugen, die Deutschen eine tadellose Gesinnung bescheinigen. Nach 1945 mussten sie für die „Persilscheine“ auf dem Schwarzmarkt Geld berappen. Heute gibt es sie umsonst und in jeder Menge. Die Zeit fragt, ob sie „durchdrehen: Israel und seine Lobby“? Die Süddeutsche wirft dem Simon-Wiesenthal-Center (SWC) „eine Feinderklärung“ vor, die Frankfurter Allgemeine sieht „schwere intellektuelle und strategische Fehler“ des SWC. Die Frankfurter Rundschau bekennt dümmlich: „Aus Augsteins Texten spricht kein Ressentiment“. Peinlich, daher repräsentativ, solidarisiert sich der Parlamentskorrespondent der TAZ mit dem „scharfen, rationalen Kritiker“ Jakob Augstein: „Wir Antisemiten!“ Radio Brandenburg nahm Henrik M. Broder aus dem Programm: „Wir reden stattdessen mit einem Antisemitismusexperten.“ Augstein selbst immunisiert sich mit dem gebräuchlichsten Gegengift. Er bedauert, dass Juden den großartigen Kampf der Deutschen gegen den Antisemitismus schwächten, was „zwangsläufig der Fall“ sei, wenn sie ihn, den deutschen  Journalismus, kritisierten. Aber, „jeder Kritiker“ müsse damit rechnen, „als Antisemit beschimpft zu werden“. Dieser Reflex ist effektvoll, weil er mehrere Stereotype für den Gegenangriff zentriert. Er macht in routinierter Täter-Opfer-Umkehr den Deutschen zum Opfer der Juden, deklariert Juden zu Verursachern des Antisemitismus und kolportiert das Gerücht von der jüdischen Allmacht. Ja, darf denn keiner mehr Israel kritisieren in einem Land, „wo ‚Israelkritik’ Volkssport ist?“ (Titanic).

Dass bürgerliche Medien die jüdische Einrichtung mit Bannfluch belegen und Jakob Augstein ungeprüft als kritischen Journalisten durchwinken, dokumentiert, dass er einer von ihnen ist und sie es ungehörig finden, dass er gemeinsam mit Sudel-Antisemiten aufgelistet wird. Augstein ist reich und repräsentiert die deutsche Medienkultur (Spiegel, der Freitag, Phönix) und Leitkultur. Wie Martin Walser, der vor ihm seinen Ekel vor der „Auschwitzkeule“ kundtat, was die versammelten Bildungs- und Großbürger ihm mit stehenden Ovationen dankten. Augstein ist Teil der deutschen Elite, die jedes Jahr den grünen Hügel in Bayreuth hinaufwallt, um hautnah zu erleben, wie der „kulturunfähige“ Jude „Beckmesser“ in Richard Wagners Meistersingern zuerst ausgelacht und dann über die Bühne geprügelt wird.

Weder Deutschlands Elite noch sein Tresenpublikum nimmt es hin, dass Juden den deutschen Journalisten, der über Nacht ein kritischer geworden sein soll, auf die Liste setzen. Zudem Juden aus den USA, wo jeder Präsidentschaftskandidat „sich vor Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen“ zu sichern habe, so Augstein. Zwar hat der Kandidat sich bei tausend Gruppen beliebt zu machen, auch bei Schwulen, ohne dass sie in den Geruch kämen, die Welt zu beherrschen. Aber bei Juden ist das anders. „Wenn es um Israel geht, gilt keine Regel mehr,“ schreibt Augstein, „Politik, Recht, Ökonomie – wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen“. Deutsche Politik, Justiz, Wirtschaft – das alles wird von Jerusalem gesteuert? Ob dieser Ohnmacht stellt er verzweifelte Resignation zur Schau: „Israel bekommt das, was es will.“ Erst hätten „die Deutschen Hunderte von Millionen überwiesen (…) Später haben sie U-Boote hinterhergeschickt.“ Für Jerusalem setze man alle „Regeln der guten Haushaltspolitik und der marktwirtschaftlichen Ordnung (…) außer Kraft“. Auch deren Charakter will er uns nicht verheimlichen. Als Angela Merkel einmal „kurz versucht“ habe, eine kleine Gegenleistung „für die deutsche Großzügigkeit“ zu bekommen, lachten sie. Und „als die Israelis mit dem Lachen fertig waren“, da war auch Merkel fertig. Für Gregor Gysi sind die Appelle an die jüdische Weltherrschaft und Arglist gute Gründe, Augstein als „herausragenden und kritischen Journalisten“ zu würdigen. Vielleicht mögen sie sich – wegen der Kalauer. Okay, Gysi hat die Partei zusammenzuhalten. Hielte er Augstein für einen Antisemiten, müsste er gegen die Hälfte seiner Genossen Ausschlussanträge stellen.

Der antisemitische Verschwörer muss nichts wissen, nur seinen Eingebungen folgen. Wer wissen wolle, wer hinter dem Anschlag auf die amerikanische Botschaft in Bengasi steckt, müsse nur fragen: „Wer profitiert davon?“ Israel, flüstert die Eingebung. Überall zünden zornige junge Männer amerikanische Fahnen an, „aber die Brandstifter sitzen anderswo“, weiß er jetzt, und deshalb seien islamistische Milizen, die mit schwerem Kriegsgerät die US-Botschaft zerstört und fliehende Botschaftsangehörige ermordet haben, „ebenso Opfer wie die Toten von Bengasi“, Opfer von „Wahnsinnigen und Skrupellosen“ in der Knesset, denen die Toten gerade gelegen kamen, weil sie gerade „immer heftiger“ darauf drängten, den Iran zu bombardieren. Ach ja, die Wut begann nach dem  Mohammed-Film des Kopten. Schnell fragt Augstein: „Kann man sich vorstellen, dass der (…) Kopte in anderem als im eigenen Auftrag handelte?“ Wir ahnen, dass der Kopte ohne Hilfe aus Israel zu gar nichts fähig war, oder vielleicht doch, „zumindest traut man … der israelischen Regierung“ so etwas zu. Der verkehrte Opferritus impliziert, dass mit jeder Hamas-Rakete die jüdische Generalschuld wächst. Wer bei Verstand ist, fragt sich: Was soll es Israel nützen, von der Welt gehasst zu werden? Warum soll Israel, wenn es Atombunker im schiitischen Iran bombardieren will, die Sunniten gegen sich aufbringen? Warum soll ein Kopte nicht fähig sein, schlechte Filme zu drehen? Augsteins antisemitischer Okkultismus taugt nicht mal fürs Astro-TV, wird aber von allen Medien, die als seriös gelten, als kritischer Journalismus gewürdigt. Wo lebe ich?

Augsteins größter Wurf ist die Opfer-Täter-Umkehr. Netanjahu führe „die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs“, schreibt er. Die Nähe zum „anschwellenden Bocksgesang“ von Botho Strauß, mit dem der ausdrücken will, dass Stammeskulturen sich durch die Tötung Fremder naturhaft regenerieren, ist kalkuliert. Er fügt bestätigend hinzu, dass Israel eben „außer Gewalt kaum eine Antwort“ kennen würde. Sein leuchtender Held Günter Grass habe zu Recht geschrieben, dass Israel „den ohnehin brüchigen Weltfrieden“ gefährde und einen Plan schmiede, der „das iranische Volk auslöschen“ könne. „Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt,“ schreibt Augstein, „dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen.“ Religiöse Erlöserrhetorik aus Dankbarkeit und Bewunderung! Grass hat den Deutschen den auf ihnen lastenden Fluch genommen. Sie können nun – unter Berufung auf ihren Nobelpreisträger – Juden des beabsichtigten Völkermords und der Gefährdung des Weltfriedens bezichtigen, können die schlimmsten Taten der Deutschen auf Juden projizieren. „Es musste gesagt werden,“ atmet Augstein auf. Grass spielt in diesem Bühnenstück den „Arier“, der vor der jüdischen Bluttat warnt, und Augstein den Jünger, der ihn als Messias anbetet. Diese „Zeilen“ werden einmal „zu seinen wirkmächtigsten Worten zählen“, wie bei dem anderen die Bergpredigt. Versöhnt mit der eigenen SS-Vergangenheit, lässt es sich ruhig sterben.

Da Juden weder Völkermord noch Weltkrieg anzulasten sind, konzipieren Augstein und Grass eine fiktive Welt, in der Juden es umso mörderischer treiben würden. Die dreißig realen Kriege auf der Welt, mit denen Israel nicht das Geringste zu tun hat, werden ignoriert, so dass Krieg führende Staaten auch nicht als Kriegsgefahr in Erscheinung treten. Der Iran und Saudi Arabien bekriegen sich im Irak und in Syrien, Syrien schießt auf die Türkei, die Türkei holt die Nato zur Hilfe, im Kongo morden Stellvertreter-Milizen, Afghanistan, Sudan (…) die USA entsenden Flugzeugträger nach Asien, wo China Gewässer beansprucht, die US-Verbündete für sich reklamieren. Die realen Kriege und bedrohlichen Konflikte stellen in der Scheinwelt des Antisemiten kein Risiko dar – es gibt sie nicht, auch nicht die Opfer. Der Antisemit verhält sich zwangsläufig gegenüber anderen rassistisch, weil ihm ein einziger, von Israel getöteter Hamas-Krieger wertvoller ist als eine Million Tote mit schwarzer Haut.

Die Opfer-Täter-Umkehr begegnet uns auch in der Bewertung des Nahost-Konflikts. Manisch soll die israelische Regierung „die einzige“ sein, „die gegenwärtig den Weltfrieden (…) gefährdet“, „den so genannten arabischen Frühling für sich ausnutzt“ und „vor allem den Krieg in Syrien fördert“ (Freitag). Für den Antisemiten fördert Israel den arabischen Frühling und den Krieg in Syrien und ist gegen beide. Die Propaganda kann auf die Verkümmerung des Intellekts keine Rücksicht nehmen. Für Augstein ist die Bewaffnung Israels nicht Schutz vor Staaten, die jede Woche ihre Absicht verkünden, die Juden zu vernichten, sondern eine Bedrohung für die Verkünder. So werde der Iran durch Israel „genötigt“, „eine eigene Bombe zu haben“, und jede Waffe für Israel erhöhe den Druck auf „arabische Nachbarstaaten, selbst zum Mittel der nuklearen Aufrüstung zu greifen“. Den erklärten Feinden Israels die atomare Aufrüstung ans Herz zu legen und Israel die Entwaffnung zu gönnen, ist eine Dialektik, die gedanklich die Vernichtung der Juden in Kauf nimmt.

Augstein scheut nicht einmal Begriffe, die Israel in die Nähe des Dritten Reichs rücken. Er propagiert Gaza als „Endzeit des Menschlichen“, als „ein Gefängnis. Ein Lager (!)“, wo Menschen „zusammengepfercht hausen“. Die Gaza-Bewohner haben eine Lebenserwartung von 74 Jahren, so hoch wie in Ungarn und höher als in der Türkei und über hundert Staaten, und sie können, wenn ihnen danach ist, Raketen abschießen, um Juden zu töten. In deutschen Lagern (…) Diese Lager-Metaphorik ist genauso unanständig wie die Bluttaten, die Augstein in seinem Freitag von Eingeweihten kolportieren lässt. Da tun Juden ständig harmlosen Menschen Gewalt an, „allen voran Kinder und Frauen“. Da will sich ein Kind einen Geburtstagskuchen kaufen, „als sein junges Leben“ durch Kugeln aus einer israelischen Waffe beendet wird. Alles erinnert an den „Kindsmord“ im Mittelalter.

Jakob Augstein ist weder harmlos noch geht es ihm um Kritik an der israelischen Politik. Er erfüllt alle geläufigen Kriterien des Antisemitismus. Man stößt auf das Vorurteilssyndrom bis zu wahnhaften Projektionen, die modernen Synonyme für Judenheit: Israel oder Jerusalem, den Griff nach der Weltherrschaft, die Störung eines vermeintlichen Weltfriedens, die jüdische Verantwortung für den nächsten Weltkrieg, die Täter-Opfer-Umkehr bis zum unterstellten Völkermord, auf jüdische Blutbäder und Kindsmorde. Die Fragen, ob Augstein auf die Liste gehört oder der richtige Zeuge gefunden wurde, lenken nur ab. Man sollte den Initiatoren der Liste danken, dass sie die Weltöffentlichkeit auf den smarten antisemitischen Dauerhetzer aus Deutschlands Top-Medien aufmerksam gemacht haben.

Dieser und weitere Beiträge können auch auf der Webseite des Autors http://www.rainertrampert.de abgerufen werden!

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EXCEPTIO PROBAT REGULAM IN CASIBUS NON EXCEPTIS

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Fast weltweit ist das 1950 gegründete Hochkommissariat der Vereinten Nationen für Flüchtlinge UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees) mit dem Schutz von Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen beauftragt. Aber eben nur fast.

Ebenfalls seit 1950 gibt es nämlich eine zweite Flüchtlingsorganisation, die UNRWA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East), und die wurde ametrisch nur für „palästinensische Flüchtlinge“, die im Zuge des ersten Arabisch-Israelischen Krieges von 1948 ihre Häuser verlassen haben, geschaffen.

1951 wurde in Genf durch die internationale Gemeinschaft (UN) eine Flüchtlingskonvention, bekannt als Genfer-Flüchtlingskonvention (GFK), angesichts der Fluchtbewegungen im Zuge des Zweiten Weltkriegs ausgehandelt.Im Sinne dieser Konvention ist jede Person ein anerkannter Flüchtling, die „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will […]“ (Art. 1A Abs. 2).

Ziel der GFK ist ein möglichst einheitlicher Rechtsstatus für Menschen, die keinen diplomatischen Schutz ihres Heimatlandes mehr genießen.

Man erkennt sofort: Für „palästinensische Flüchtlinge“ musste zwingend eine Ausnahme her, denn diese Menschen konnten weder vor noch nach ihrer Flucht eine „Staatsangehörigkeit“ oder den Schutz „ihres Heimatlandes zur Zeit des britischen Mandats“ genießen, so dass sie, „Dank Hamas“, ggf. auch deren Antisemitismus, in Form der UNRWA, zu einem „einheitlicheren“* Rechtsstatus, d.h. einer gesteigerten Ausnahme vom Einheitlichen und damit grotesken Sonderstellung privilegiert wurden.

Einheitlicher ist der Rechtsstatus deshalb, weil den „palästinensischen Flüchtlingen“ gegenüber den ebenfalls zu Hunderttausenden aus den arabischen Staaten nach Israel geflüchteten Jüdinnen und Juden eine Extrawurst gebraten wird.

Einheitlicher aber auch, weil – anders als bei allen anderen Flüchtlingen und entgegen der GFK – der Flüchtlingsstatus nach den UNRWA-Richtlinien vererbbar ist. Ich wiederhole: vererbbar! (Dieser UNRWA-Tiebreak, eine skurrile und weltweit nie dagewesene Zählweise, hat zur Folge, dass sich die Flüchtlingszahlen seit 1948 auf heute etwa 500 % (lt. UNRWA ca. 5 Mio. Palästina-Flüchtlinge) des Ausgangswertes (ca. 914.000 ursprüngliche Flüchtlinge) vervielfacht haben.)

Zudem einheitlicher, weil UNRWA über das rund 2,5-fache des pro-Kopf-Budgets von UNHCR verfügt und nicht zuletzt einheitlicher, weil bei UNRWA sich ein Personal von mehr als 29.000, meist palästinensischen Menschen, von denen einige auch eine Mitgliedschaft in der Terrororganisation Hamas pflegen, um das Wohl eines Zwanzigstels an Flüchtlingen, verglichen mit UNHCR, kümmert.

UNRWA2

 

–         Exkurs:

 

 

Zur Hamas-Mitgliedschaftsproblematik des UNRWA-Personals meinte im Oktober 2004 der damalige UNRWA-Generalkommissar Peter Hansen: „Ich sehe das nicht als Verbrechen an. Dass die Hamas eine politische Organisation ist, bedeutet nicht, dass jedes Mitglied ein Militanter ist, und wir machen keine politischen Überprüfungen und schliessen nicht Leute mit einer Überzeugung gegenüber anderen aus.“

Diese Haltung, dass die Hamas eine normale politische Organisation sei, deren Doktrinen die Staatsführung und die Erziehung der Palästinenser nicht beeinträchtigen, besteht in der UNRWA selbst dann weiter, wenn die Hamas Gewalt nicht nur gegen Israel sondern auch gegen andere Palästinenser ausübt.

Wie im jüdische online-Magazin haGalil berichtet wird, „war der Tod von Awad al-Qiq im Mai 2008 eine anschauliche Demonstration dessen. Qig hatte lange Zeit als Lehrer an einer UNRWA-Schule gearbeitet und war zum Leiter ihrer Prep Boys School in Rafiah befördert worden. Er war auch der führende Bombenbauer des Islamischen Jihad. Er wurde getötet, während er eine Fabrik zur Herstellung von Bomben und anderen gegen Israel gerichteten Waffen überwachte, die nur wenig entfernt von der Schule lag. Qiq baute somit Waffen, um israelische Zivilisten anzugreifen, während er gleichzeitig seinen Schülern beibrachte, dasselbe zu tun. Der Islamische Jihad brauchte ihm kein Gehalt für seine terroristischen Aktivitäten zu zahlen. Die UNO und der amerikanische Steuerzahler taten dies bereits.

Die steigende Anzahl von UNRWA-Lehrern, die sich offen zu radikalen Gruppen bekennen, hat eine Lehrerfraktion geschaffen, die die Wahl von Hamas-Mitgliedern und anderen islamistischer Ideologie verpflichteten Individuen garantiert. Durch den Missbrauch von Klassenzimmern zur Verbreitung radikaler Lehren gravitieren diese Lehrer auch zu den lokalen palästinensischen Wahlen. So ist das UNRWA-Erziehungssystem zu einem Sprungbrett für die politischen Aktivitäten der Hamas geworden. Der Hamas-Innenminister Saeed Siyam beispielsweise war zwischen 1980 und 2003 ein Lehrer an UNRWA-Schulen in Gaza. Er wurde dann ein Mitglied der Gewerkschaft arabischer UNRWA-Angestellter und leitete den Lehrerausschuss. Andere namhafte Absolventen des UNRWA-Erziehungssystems sind u. a. Ministerpräsident Ismail Haniyeh und der frühere Hamas-Chef Abd al-Aziz Rantisi.“

UNRWA

 

–         Exkurs-Ende  –

 

 

Einheitlicher ist der Rechtsstatus der „palästinensischen Flüchtlinge“ schließlich, weil die UNRWA-Aufgabe offenbar, im Gegensatz zur UNHCR, die dauerhafte Lösungen für die Flüchtlinge zu erreichen sucht, in der Perpetuierung des Status Quo besteht.

Wie die gezeigten, tendentiellen Beispiele zeigen, ist jedenfalls der Rechtsstatus bei „palästinensischen Flüchtlingen“ wesentlich einheitlicher als bei vergleichbaren LeidensgenossInnen, so dass auch das beanspruchte Rückkehrrecht dieser „Flüchtlinge“ in das israelische Kernland den „Vorteil“ des gleichbedeutenden Endes eines Israels als jüdischem Staat mit sich bringt.

Um auf die Überschrift zu rekurrieren: Aus der dargelegten UNRWA-Praxis kann darauf geschlossen werden, dass in der Regel keine antisemitische Praxis geübt werden sollte!

lg LL

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Hilfswerk_der_Vereinten_Nationen_f%C3%BCr_Pal%C3%A4stina-Fl%C3%BCchtlinge_im_Nahen_Osten

http://lizaswelt.net/2009/01/19/die-hatschelkinder-der-uno-i/

http://de.wikipedia.org/wiki/Abkommen_%C3%BCber_die_Rechtsstellung_der_Fl%C3%BCchtlinge

http://www.hagalil.com/01/de/nucleus/plugins/print/print.php?itemid=2467

*Das Wort „einheitlich“ ist nicht komparabel. Der verwendete Komparativ müsste vermutlich nach UNRWA- und Hamas-Vorstellungen aufgrund der Unvergleichbarkeit ein Elativ sein!

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Seit letzterrr Woche wird zurrrückgeschossen!

Denn: Die Hamas schießt immer nur zurück! (LOL) Seit 2001 etwa 11.000-mal, mit Raketen aus Gaza, die nach Israel abgefeuert wurden….,

 

 

 

…aber nun verteidigt sich auch das „Land der Juden“ wieder mal, versucht die Ursachen der Angriffe dort abzustellen, wo die Raketen herkommen….und viele sehen in Israel den Aggressor…

Welches Land der Erde könnte mit Raketen beschossen werden, ohne dass ihm zugestanden würde, sich zu wehren? Keins? So sollte es eigentlich sein, aber bei Israel, da liegt der Fall ganz anders.

Auslöser der aktuellen Gewalteskalation waren mal wieder die andauernden Raketenangriffe aus dem Hamas-kontrollierten Gazastreifen. Hamas möchte den Staat Israel mit terroristischen Mitteln beseitigen, was sie offen in ihrer Charta schreibt, und einen islamisch-theokratischen Staat in Palästina errichten. Und weil nun Israel wieder mal genug hat, vom „beschossen werden“, – über 100 Geschosse, Mörsergranaten und Raketen gingen allein am 11.November 2012 auf Israel nieder – folgte, als Reaktion,  die „Operation Wolkensäule“, d.h. der Angriff von Zielen im Gazastreifen durch die israelische Armee (ZAHAL) seit dem 14. November 2012. Im Zuge dieser Angriffe wurden gezielt viele Hamas-Ziele bombadiert sowie auch der Hamas-Führer und Verantwortliche für jahrzehntelangen Terror, Ahmed al-Dschabari, einer der meist gesuchten Terroristen getötet. Leider, wie in jedem Krieg, kommen dabei aber auch Unbeteiligte und Zivilisten um, insbesondere dann, wenn die Hamas ihre Stellungen hinter Schulen, Kindergärten, Kranken- und Wohnhäusern bewusst in Stellung bringt, diese also faktisch als menschliche Schutzschilde benutzt. In Israel starben drei Menschen im Süden des Landes durch den Hamas-Terror, Tel Aviv und Jerusalem sind bedroht.

Ein Leben ohne Bedrohung der Bevölkerung, das wäre schon ein israelisches Ziel. Erreichen kann man es nicht, indem man den Raketenbeschuss auf Gaza einfach erwidert. Die Hamas versteckt sich hinter ihrer Bevölkerung, ein grundlegender Unterschied zur israelischen Praxis. Golda Meir hatte deshalb recht, als sie meinte:  „Es wird erst Frieden geben, wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben als sie uns hassen.“ Aber wie soll man herankommen, an die Raketenstellungen, an die Waffenlager, ohne deren Vernichtung der Beschuss nicht aufhört?

Verhandlungen um einen Waffenstillstand zwischen den Konfliktparteien, der israelischen Armee und den Hamasbrigaden, waren bislang erfolglos, weil die Hamas ein Ende der Gazablockade sowie der gezielten Tötung durch Drohnen und Israel die Einstellung des Raketenbeschusses fordern.

Für einen vernunftbegabten Menschen sollte die israelische Forderung nach Beendigung des Raketenfeuers aus Gaza ein durchwegs nachvollziehbares Bedürfnis sein, die Hamas-Forderung nach einem Ende der Blockade sowie einem Ende der gezielten Tötung durch Drohnen ist dies aber nur sehr eingeschränkt. Denn: Ein Ende der Gazablockade würde dem Waffentransport nach Gaza, also einer der Ursachen des Problems, Tür und Tor öffnen und einem Ende der gezielten Tötung von Terroristen, also einer weiteren Ursache des Problems, kann aus verständlichen Gründen ebenso wenig  von israelischer Seite zugestimmt werden. Ein Problem kann nicht durch Zusagen, die das Problem verschärfen, gelöst werden. Insofern müsste die Hamas allein angesichts solcher Forderung schon blamiert und entlarvt sein.

Die Wirklichkeit zeigt ein anderes Bild.  Das Gros der Presselandschaft zeichnet allenfalls ein kalkuliert beidseitiges Schmachbild, die eigentliche Ursache,  der Raketenbeschuss aus Gaza, wird also tunlichst verschwiegen,  man behauptet, vermutlich beabsichtigt undifferenziert, dass „beide Parteien pausenlos aufeinander schießen“ und „an Frieden kein Interesse“ hätten. (Die Ähnlichseherei und Gleichmacherei ist das Merkmal schlechter Augen, meinte Nietzsche!) Einige, in meinungsmäßig derart kurzen Hosen, dass sie Nudisten gerne trügen, bemühen sich sichtlich intensiv um eine Ursache-Wirkungs-Umkehr hin zur „Alleinschuld Israels“, das sich „seine Gegner selbst ausbrühtet“ im „Gefängnis Gaza“, einem „Ort der Endzeit des Menschlichen“, so z.B. Herr Jakob Augstein.

Der offenbar realitätsverlustige und verhaltensoriginelle türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan z.B. wirft Israel in diesem Gaza-Konflikt sogar „ethnische Säuberung“ und dem Westen die Unterstützung  des „terroristischen Staates“ Israel vor.

Rückendeckung erhält die Hamas auch naturgemäß von Iran und der Hisbollah: Teheran und die Islamisten aus dem Libanon rufen zu Waffenlieferungen nach Gaza auf und tun so, als wäre endlich eine Unterstützung nach all den „Angriffen“ angesagt. Dabei wurden bereits im Vorfeld  ausreichend Fadschr-5- Raketen vom Iran über den Sudan und per Lkw nach Ägypten geliefert, dort in Einzelteile zerlegt und durch unterirdische Tunnel in den Gazastreifen gebracht, um Israel bis hin nach Tel Aviv beschießen zu können.

Das verschweigt Ägyptens Präsident Mohammed Mursi natürlich, wenn er allein Israel anschwärzen und eine anti-israelische Stimmung in seiner Bevölkerung forcieren will. Als geistiger Bruder der Hamas, die aus Mursis Muslimbruderschaft hervorgegangen ist, würde er ohnehin am liebsten gegen Israel mobil machen. Aber wollen hat er sich nicht getraut, weil er nicht können darf, sprich: Er kann auf die 1,5 Milliarden Dollar Militärhilfe, welche die USA jährlich überweisen, nicht verzichten.

Die Kriegs-PR läuft also auf Hochtouren, neutrale Informationen sind weit mehr als Israelis von „Neutralen“ zu bekommen gewohnt sind.

Obgleich die Lage derart eindeutig wäre, räumen viele Israel das Recht auf Selbstverteidigung nicht ein. Wo kämen wir auch hin, wenn das Opfer sich wehrt!  Dabei wäre es ganz einfach, die Fronten zu klären mit ein paar einfachen Fragen:

Mit welchen Maulwurfsaugen müssen all jene Haß-Publizisten den Nahen Osten inspizieren, um in den Gazetten mit Hamas zu heulen, der menschenverachtenden Terrororganisation, die nie anderes intendierte als den Tod der Juden? Welche „Freude der etwas anderen Art“ ist das, die „Freudenschüsse“ in Gaza`s Himmel und eine Laudatio auf die „heldenhafte Tat“ auslöst, wenn ein Bombenanschlag auf einen Stadtbus in Tel Aviv verübt wird, welche humane Ausgeburt, die den leblosen Körper eines vermeintlichen Kollaborateurs, am Moped angehängt, durch Gaza`s Straßen schleift?

Die Antworten kann sich jeder selbst geben. Ich jedenfalls weiß, dass Israel ein Zufluchtsort für Holocaustüberlebende und deren Nachfahren sowie die einzige Demokratie im Nahen Osten ist. Unabhängig davon, dass ich der nachgeborenen deutschen Tätergeneration entstamme, habe ich im Nahostkonflikt immer versucht, Aktion und Reaktion getrennt zu betrachten. Die Reaktion als eine Folge auf die vorhergehende Aktion. Nach diesen Kriterien sollte eine Beurteilung doch einfach sein, oder?

lg LL

PS:   Mindestens 12 Raketen wurden seit gestern, 21 h, als der „Waffenstillstand“ in Kraft trat von Gaza auf Israel geschossen!

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Denk-mal

Heute kann dem ersten bayerischen Ministerpräsidenten nach dem Ersten Weltkrieg, Kurt Eisner, gedacht werden.

Eisner hat in der Nacht zum 8. November 1918, also taggenau vor 94 Jahren, in der ersten Sitzung der Arbeiter- und Soldatenräte im Münchner „Mathäserbräu“ die Republik Bayern als Freistaat ausgerufen, in dessen Folge sich im April 1919 die kurzlebige Räterepublik Baiern konstituierte. Er erklärte an diesem Tag das herrschende Königshaus der Wittelsbacher (Ludwig III.) für abgesetzt:

 

„Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt!
Bayern ist fortan ein Freistaat!“

Kurt Eisner: Ausrufung der Republik am 8. November 1918

Kurt Eisner verkörperte als Sozialist und Jude ein doppeltes Feindbild. Das Datum des 8. November war ein Stachel im Fleisch der nationalistischen und rechtsextremen Gruppen der frühen 1920iger Jahre in München und der Inbegriff für Revolution und Republik, die rückgängig gemacht werden sollten – deshalb der Hitler-Putsch am 9. November 1923, und deshalb auch die Reichspogromnacht am 9. November 1938, welche den großen Terror gegen die Juden in Deutschland einleitete und den Weltkrieg vorbereiten half.

Eisner wurde am 21. Februar 1919 von dem antisemitischen völkisch-nationalistischen Studenten und zu dieser Zeit beurlaubten Leutnant im Königlich Bayerischen Infanterie-Leib-Regiment Anton Graf von Arco auf Valley (er wird dem Umfeld der Thule-Gesellschaft zugeordnet) aus unmittelbarer Nähe mit zwei Schüssen in Rücken und Kopf ermordet. Die extreme Propaganda der damaligen Zeit gegen Juden und Linke wirkt bis in die Gegenwart.

„Eisner ist Bolschewist, er ist Jude, er ist kein Deutscher, er fühlt nicht deutsch, untergräbt jedes vaterländische Denken und Fühlen, ist ein Landesverräter.“, so der Mörder.

Noch 1969 protestierte die CSU gegen die Benennung einer Straße in München-Neuperlach nach Eisner: Das Feingefühl der Witwe des 1945 gestorbenen Grafen Arco-Valley könnte verletzt werden, wenn eine Straße nach dem Opfer ihres Mannes benannt werde. Am Tatort des Mordes befindet sich seit 1989 ein Bodendenkmal, eine in den Gehsteig eingelassene Reliefplatte,  die den Umriss des ermordeten Eisner zeigt. Seit 30. Mai 2011,  beschämend spät also, gibt es nun ein denkbar unpersönliches Eisner-Denkmal, das am Münchner Oberanger der Öffentlichkeit übergeben wurde.

Der Antisemitismus ist immer noch virulent!

Quelle: Wikipedia

lg LL

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Jörgl und der Postnazismus

Die FPÖ nach Jörg Haider

Der folgende Text ist im Phase 2-Heft Nr. 42 unter dem Titel „Österreichischer Postnazismus“ erschienen. Es handelt sich um einen Auszug aus der Einleitung des Bandes „Postnazismus revisited – Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert.“, einem Buch, das Stephan Grigat im Mai 2012 im Freiburger ça ira-Verlag veröffentlichte.

Dabei handelt es sich um eine erweiterte zweite Auflage des Bandes Transformation des Postnazismus. Der deutsch-österreichische Weg zum demokratischen Faschismus aus dem Jahre 2003.

Stephan Grigat, der den Band herausgibt, ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien und engagiert sich bei der Gruppe Café Critique und in dem Bündnis STOP THE BOMB.

Der Gastbeitrag erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Der Link zum Buch:

http://www.ca-ira.net/verlag/buecher/grigat-postnazismus.revisited.html

Von Stephan Grigat.

I.

Schon Anfang des neuen Jahrtausends ließ sich ahnen, dass der kurzzeitig als gemeinschaftliche Verpflichtung inszenierte kollektive Gang an die Börse und die damit einhergehende, temporäre Verschiebung des Hasses auf den Aktienmarkt hin zur Wut auf den defizitären Steuerstaat bei den ersten Krisenerscheinungen revidiert werden würde und das postnazistische Ressentiment zu seinen alten Feindbildern zurückfindet. Ende 2011 griff beispielsweise der Haus- und Hofdichter der österreichischen Kronenzeitung, Wolf Martin, die nationalsozialistische Unterscheidung von »raffendem« und »schaffendem« Kapital auf und reimte in der auflagenstärksten Tageszeitung des Landes: »Das Spekulantenpack ist schädlich, doch nicht das Kapital, das redlich.« Stefan Petzner, bis 2011 geschäftsführender Landesparteiobmann der Abspaltung von der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) in Kärnten, machte sich in einem Gespräch mit der Woche Gedanken über die globale Krise, die auch seine Heimat arg gebeutelt hat: »Wo ist das Geld, das verspekuliert wurde? Wer ist im Hintergrund so mancher großer Bank?« Auf die Bitte des Interviewers, deutlicher zu werden, legte er nach: »Das verspekulierte Geld ist ja nicht weg, es hat nur jemand anderes. Nämlich Banker und Spekulanten an der Wall Street. Wenn man dann noch forscht, woher Goldmans und Lehmans so kommen, wird man auf spannende Ergebnisse stoßen.« Danach gefragt, ob er ernsthaft auf »jüdische Wurzeln« anspielen wolle, antwortete Petzner, der sich stets von den »wahren Mächtigen in der Welt, die an der Ostküste oder sonst wo sitzen«, bedroht fühlt, denen der BZÖ-Politiker auch die Ermordung seines großen Vorbilds Jörg Haider zutraut, ganz in der kryptischen Manier seines politischen Ziehvaters: »Ich verweise nur drauf, dass Herr Goldman und die Brüder Lehman schon eine Geschichte haben.« So klingt die Sprache des nachnationalsozialistischen Antisemitismus, die gänzlich darauf verzichten kann, das eigentlich Gemeinte, nämlich »Die Juden sind unser Unglück«, auch auszusprechen.

Thematisiert wird der Zusammenhang zwischen Spekulantenhatz und Antisemitismus heute mitunter in ausgesprochen skurrilen Konstellationen. Die Äußerungen der konservativen österreichischen Finanzministerin Maria Fekter zum Zusammenhang von Bankenschelte, zwei Weltkriegen und Judenhass im September 2011 waren derart geschichtsvergessen und in ihrer Intention durchschaubar, dass es widerstrebenswert ist, sie näher unter die Lupe zu nehmen. Interessanter wäre es wohl gewesen, über Fekters Beitrag zur Befeuerung der Fremdenfeindlichkeit in Österreich durch ihre Asylpolitik und ihre Äußerungen als Innenministerin in den Jahren 2008 bis 2011 zu diskutieren und zu fragen, warum ausgerechnet solch eine Politikerin sich nun zur Streiterin gegen »Feindbilder« berufen fühlt. Fekters Äußerungen waren nicht der erste Versuch, eine dringend gebotene Kritik am Antisemitismus in den Diskussionen über die Finanzkrise für die Verteidigung einer bestimmten Politik zu instrumentalisieren. Schon in der deutschen Debatte über Managergehälter ging es 2008 dem Präsidenten des Instituts für Wirtschafsforschung Hans-Werner Sinn und dem späteren Bundespräsidenten Christian Wulff mit ihrer Gleichsetzung des Geraunzes über Manager mit antisemitischen Parolen aus den 1920er Jahren ebenso wenig um eine Kritik antisemitischer Denkmuster wie Hans-Olaf Henkel, dem ehemaligen Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, der sich 2008 mit Verweis auf einen angeblichen Marx’schen Antisemitismus, der den Straftatbestand der Volksverhetzung erfülle, über den finanziellen Beitrag der deutschen Regierung zur Marx-Engels-Gesamtausgabe empörte. Ganz so wie Fekter, suchen auch Figuren wie Sinn oder Henkel wohlfeile Munition zur Verteidigung der Charaktermasken des Kapitals und zur Legitimation der von ihnen favorisierten Politik. Keine Sekunde interessieren sie sich für die Opfer des Antisemitismus, die sie dementsprechend zum Material im politischen Kleinkrieg degradieren.
Doch die politische Konkurrenz gibt sich mit ihren Attacken gegen »Spekulantentum« und gemeinschaftsschädigende »Heuschrecken« größte Mühe, selbst noch den wirren Äußerungen einer Maria Fekter Plausibilität zu verleihen. Gleichwohl ist auffällig, dass in der wohl größten ökonomischen Krise nach 1945 gerade in Österreich und Deutschland zwar das keineswegs nur für die postnazistischen Gesellschaften obligatorische Ausspielen vom »bösen Markt« gegen den »guten Staat« über alle Parteigrenzen hinweg fröhliche Urstände feiert, aber zumindest bisher keine offen antisemitische Massenpanik ausbricht. Einen Hinweis darauf, warum das so sein könnte, hat unlängst Joachim Bruhn gegeben, der mutmaßte: »Deswegen blieb die Panik aus, weil das Vertrauen der Deutschen in die Nazismusfähigkeit ihres Souveräns bedingungslos ist; eben das ist das bleibende Resultat des Nationalsozialismus als eines Produktionsverhältnisses. […] Die Transformation der Bevölkerung in das ›Wir sind ein Volk‹-Verhängnis ist im Gefolge von Wannsee-Konferenz und Grundgesetz definitiv gelungen, und das ist der Grund dafür, dass man in Deutschland angesichts der Krise und des kommenden Zusammenbruchs der kapitalistischen Produktionsverhältnisse […] überhaupt gar keine Angst vor dem ›Schwarzen Freitag‹ [hat].« Es bleibt allerdings abzuwarten, welches Krisenbewusstsein sich in Deutschland und Österreich letztlich durchsetzen wird, wenn sich dort die Auswirkungen der Verwertungskrise trotz der Versuche Deutschlands, sich an der Krise in anderen, insbesondere den südeuropäischen Ländern zu sanieren, in einer Art bemerkbar machen werden, die heute noch gar nicht abzusehen ist.

II.

Einer, dessen Auftreten und Politik lange Zeit auch für Krisenverwalter aus anderen Parteien Modellcharakter hatte, und der wohl in der aktuellen Situation zur Höchstform aufgelaufen wäre und wie ein Ferment für das regressive und ressentimenthafte Krisenbewusstsein gedient hätte, weilt seit einigen Jahren nicht mehr unter uns. Den österreichischen Fremdenfeinden und dem modernisierten europäischen Rechtsextremismus ist 2008 mit Jörg Haider eine Leitfigur abhanden gekommen, weil sie sich volltrunken hinter das Steuer setzte und nach Walhall raste. Seine früheren Konkurrenten, die ihn schon zu Lebzeiten nicht nur beneidet, sondern immer auch ein wenig bewundert hatten, übten sich angesichts dieses Abgangs in »Pietät«, die jedes böse Wort über den Verstorbenen verbiete. Sie kaschierten damit ihre hemmungslose Verklärung und Verharmlosung eines Politikers, dem sie früher nur mit begriffs- und substanzlosen Demokratiebeschwörungen bei gleichzeitiger weitestgehender Übernahme der Politik dieses Lautsprechers der postnazistischen Volksseele begegnen konnten.
Während es bei jedem anderen Politiker als unentschuldbare Verantwortungslosigkeit gelten würde, mit 1,8 Promille und gut 180 km/h in eine Tempo-50-Zone einzufahren, stand Haider unmittelbar nach seinem Ableben wie zu Lebzeiten nicht nur für seine Anhänger als famoser Bursche da, der sich an keine Regeln hält und halten muss. Zum Begräbnis waren dann alle noch einmal nach Klagenfurt gekommen, um vom prototypischen Führer der demokratisierten Volksgemeinschaft Abschied zu nehmen: Zum langjährigen Haider-Freund und Ghaddafi-Sohn mit dem Sympathie verströmenden Vornamen »Schwert des Islam« gesellte sich der Bundespräsident, der Bundeskanzler und sein designierter Nachfolger, Ex-Kanzler und Vizekanzler von der Volkspartei und fast alle Minister der großen Koalition, sämtliche Landeshauptleute, der Präsident der Wirtschaftskammer und der Vorsitzende der Gewerkschaft, Kameradschaftsbündler, Burschenschaftler in vollem Wichs und 30.000 trauernde Bürger. Das Bundesheer hielt Ehrenwache. So war Österreich noch einmal ganz bei sich – als große postnazistische Familie, in der alle um so fester zusammenstehen, je mehr sie sich alle hassen.
Der sozialdemokratische Kanzler attestierte dem Verstorbenen, der noch wenige Wochen zuvor gefordert hatte, allen Asylbewerbern elektronische Fußfesseln zu verpassen, Asylsuchende rechtswidrig in andere Bundesländer abschob und bis zuletzt Urteile des obersten Gerichts zur Errichtung zweisprachiger Ortstafeln schlicht ignoriert hatte, er habe »ein feines Gespür für das gehabt, was sich ändern muss«, und zollte ihm gleich mehrfach »Respekt und Anerkennung«. Auch Veteranen der Waffen-SS, die Haider in früheren Jahren als »anständige Menschen« bezeichnet hatte, »die einen Charakter haben, die auch bei größtem Gegenwind zu ihrer Überzeugung stehen und ihrer Überzeugung bis heute treu geblieben sind«, nahmen an den Feierlichkeiten mit der versammelten Staatsspitze teil, und der Österreichische Rundfunk (ORF) war sichtlich bemüht, die ordenbehängten Recken nicht ins Bild zu rücken.
In den letzten Jahren vor seinem Tod hatte man Lob für die nationalsozialistischen Vernichtungskrieger oder für die »ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich« (Haider vor dem Kärntner Landtag 1991) allerdings nicht mehr gehört, und in einem seiner letzten Interviews kritisierte er die mangelnde Abgrenzung der FPÖ zum offenen Neonazismus. Sein neustes Projekt dürfte darin bestanden haben, den postfaschistischen Konsens und die postnazistischen Ressentiments gegen jene Nazis zu organisieren, die vom Hitlergruß nicht lassen können, was aber wohl auch nichts daran geändert hätte, dass die alten Kameraden jährlich mit Unterstützung der Landesregierung am Kärntner Ulrichsberg aufmarschieren.
Österreich hat 2008 seinen Führer der Herzen verloren, der sich als Leitfigur für die, nach gemeinschaftlicher Wärme lechzenden, Opfer seiner Wirtschaftspolitik und für die erfolgreichen, kaltschnäuzigen Eventhopper in Kärnten gleichermaßen etablieren konnte. In seiner nach seinem Tod viel beschworenen Menschenliebe sorgte er sich dermaßen um das Wohl der Eingeborenen, dass er kurz vor seinem Ableben die vereinsamte Saualpe zu einer Sonderanstalt für Asylbewerber umfunktionieren ließ, die zwar nicht verurteilt worden waren, aber einer Straftat »verdächtigt« werden. Dass die sozialdemokratische Vizebürgermeisterin von Klagenfurt diese rechtswidrige Maßnahme befürwortete, zeigte abermals, dass der Staatsrassismus keine Spezialität von Haider war. Große Teile der SPÖ im südlichsten Bundesland Österreichs existieren ohnehin in erster Linie, um die durch den Arzt Erwin Ringel, dem Autor von Die österreichische Seele und Die Kärntner Seele, bekannt gemachte Charakterisierung von Kärnten zu bestätigen: Das Land sei, schrieb er mit Bezug auf eine traditionelle Süßspeise, »ein Punschkrapferl, außen rosa, innen braun und ständig unter Alkohol.«
Haider hat in seinem arisierten Bärental die letzte Ruhe gefunden, aber es war absehbar, dass sich an der Unerträglichkeit der österreichischen Normalität auch ohne ihn nicht viel ändern würde. Ein Charakteristikum der postnazistischen Gesellschaft in Österreich besteht darin, dass die zwangsdemokratisierten Nazis nicht als solche bezeichnet werden, sondern als »nationales« oder »drittes« Lager neben dem sozialdemokratischen und konservativen zum integralen Bestand der Zweiten Republik zählen. Eine Kooperation mit diesem »dritten Lager« stellt daher stets eine Option dar. In den 1970er und 80er Jahren schloss der sozialdemokratische Kanzler Bruno Kreisky einen Pakt mit dem ehemaligen SS-Obersturmführer Friedrich Peter von der FPÖ. Vor zehn Jahren waren es Wolfgang Schüssel und Andreas Khol von der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), die Jörg Haider und seiner Entourage durch eine Koalition die staatspolitischen Weihen verliehen. Sowohl in der Sozialdemokratie als auch bei den Konservativen gibt es heute maßgebliche Stimmen, die sich die Möglichkeit einer Kooperation mit der FPÖ nach den Nationalratswahlen 2013 unbedingt offen halten wollen.
Daran ändert auch das mittlerweile bei den Freiheitlichen dominierende Personal nichts. Barbara Rosenkranz, die FPÖ-Präsidentschaftskandidatin des Jahres 2010, die laut einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte straffrei als »Kellernazi« bezeichnet werden darf, war bereits Klubobfrau der niederösterreichischen FPÖ, als ÖVP-Kanzler Schüssel seinen Pakt mit den Freiheitlichen schmiedete. Sie wechselte wenig später in den Nationalrat. Es braucht keine ideologiekritische Finesse, um die Gesinnung der FPÖ-Kandidatin zu erkennen. Bei Sonnwendfeiern verlangte sie, dass die »Gesetze, die in der Natur zu finden sind […], der Gestaltung unseres Gemeinschaftslebens« zugrunde gelegt werden sollen. Wenn sie ihre zehn Kinder beim Namen ruft, klingt es wie bei einer Familienaufstellung aus dem Nibelungenlied. Gezeugt hat sie den germanischen Nachwuchs mit ihrem Ehemann Horst, der das in Nazi-Kreisen beliebte Blättchen Fakten herausgibt, in der mittlerweile verbotenen Nationaldemokratischen Partei aktiv war und mit dem Neonazi Gerd Honsik die Liste Nein zur Ausländerflut gründete, die wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung nicht zu den Wahlen zugelassen wurde. Der Holocaustleugner Honsik empfahl mit Hinweis auf Barbara Rosenkranz die Wahl der FPÖ. Die freiheitliche Präsidentschaftskandidatin konnte an den Aktivitäten ihres Mannes »nichts Ehrenrühriges« entdecken und meinte noch im Wahlkampf 2010, in den Fakten würden »sehr reputierliche Leute schreiben.«
Der FPÖ diente die Präsidentschaftswahl in erster Linie als Vorbereitung auf die Wiener Gemeinderatswahl im Oktober 2010, die vom FPÖ-Vorsitzenden Heinz-Christian Strache zur Entscheidungsschlacht gegen den sozialdemokratischen Bürgermeister Michael Häupl stilisiert wurde. Der Nutzen für die FPÖ war offensichtlich: Gegen den erneut kandidierenden sozialdemokratischen Amtsinhaber Heinz Fischer zu verlieren, schadet niemandem, Rosenkranz war im Frühling 2010 die Politikerin mit der größten Medienpräsenz in Österreich, und im Vergleich mit ihr konnte sich selbst Strache noch als gemäßigter Rechter für die Wahl in Wien inszenieren, bei der die FPÖ dann, anders als die freiheitliche Präsidentschaftskandidatin, fast 26 Prozent der Stimmen erhielt.
Das »Personenkomitee für Barbara Rosenkranz« pries die FPÖ-Inhalte als Beitrag zu einer »Demokratisierung Österreichs« an. Die Betonung der Demokratie im Sinne des gesunden Volksempfindens, das gegen die republikanischen Institutionen und die staatlichen Vermittlungsinstanzen in Anschlag gebracht wird, steht ganz in der Tradition von Jörg Haider. Der gegenwärtige Einfluss der offen rechtsextremen Parteikader und deutschnationalen Burschenschaftler auf die FPÖ bedeutet hingegen eine partielle Abkehr vom Modernisierungsprogramm des ehemaligen Vorsitzenden. »Unterm Haider hätt’s das nicht gegeben«, dürften sich bei der Nominierung von Rosenkranz nicht wenige jener Fans des verunglückten Führers gedacht haben, die die allzu offene NS-Nostalgie schon immer reichlich antiquiert fanden.
Rosenkranz erhielt allerdings nur 12,2 Prozent der Stimmen und blieb damit weit unter den von Strache für möglich gehaltenen 35 Prozent, obwohl die Freiheitlichen auf eine Trotzreaktion der Österreicher gesetzt hatten – ganz im Sinne jener traditionsreichen Parole »Wir wählen, wen wir wollen«, welche die FPÖ in Erinnerung an den erfolgreichen antisemitischen Wahlkampf des ÖVP-Bundespräsidentschaftskandidaten mit Wehrmachtsvergangenheit Kurt Waldheim aus dem Jahr 1986 plakatiert hatte. Ähnlich wie in Deutschland, kann auch in Österreich eine Partei mit allzu offener Nähe zum historischen Nationalsozialismus heute offenbar nur mehr einen Bruchteil der Wähler ansprechen. Das nötigt jene, die Partei dominierenden, Burschenschaftler wie den EU-Parlamentarier Andreas Mölzer, den stellvertretenden Parlamentspräsidenten Martin Graf oder auch den steirischen Parteivorsitzenden Gerhard Kurzmann, der bekennendes Mitglied der Kameradschaft IV der Waffen-SS ist, die vermeintlich »unideologischen Populisten« um Parteichef Strache und Generalsekretär Herbert Kickl weitestgehend das politische Tagesgeschäft bestreiten zu lassen – bisher mit einigem Erfolg: 2010 und 2011 lag die FPÖ in Umfragen zeitweise auf Platz eins.
Zudem haben BZÖ und FPÖ das Problem, dass sie sich in den letzten Jahren vermehrt mit ähnlichen »Skandalen« herumschlagen müssen, die sie früher den »Systemparteien« angekreidet haben. Seit über die mutmaßlichen Millionenkonten des verstorbenen Parteichefs im Ausland berichtet wurde, verlegten sich die treuen Haiderjünger auf Attacken gegen jene, die mit dem dubiosen Finanzgebaren der FPÖ und des BZÖ befasst sind. Doch die verbalen Ausfälle beispielsweise des stellvertretenden BZÖ-Vorsitzenden Gerald Grosz, der angesichts von Medienberichten über Auslandskonten von Haider und über vermutliche Zahlungen aus Ghaddafis Libyen und Saddams Irak von »Schweinejournalismus« mit »Stürmer-Qualität« sprach, zeugten nicht von jener beängstigenden Souveränität des politischen Übervaters, der noch auf jede Anschuldigung mit ebenso aggressiven wie wohlüberlegten Gegenattacken reagierte, sondern von Panik und einer Ahnung, diesmal vielleicht doch nicht ganz ungeschoren davonzukommen.
Alle bisherigen Skandale haben allerdings weder der FPÖ noch dem posthumen Ansehen Haiders nachhaltig geschadet. In den Augen ihrer Wählerschaft stellt es offenbar keinen Widerspruch dar, als Partei der »Ehrlichen und Anständigen« aufzutreten und gleichzeitig ein alternatives Modell der Abzocke zur sozialdemokratischen und konservativen Klientelpolitik zu praktizieren. Was bei den Vertretern der »Systemparteien« als Ausweis ihrer gemeinschaftsschädigenden Gesinnung galt, erschien beim prototypischen Führer der demokratischen Volksgemeinschaft als Beleg dafür, was für ein »klasse Bursch« er doch sei, der jederzeit bereit ist, sich zum Wohle des Volkes über unsinnige Vorschriften hinwegzusetzen. Er war der Tausendsassa, der versuchte, Kärnten mit billigem libyschem Öl zu versorgen, während er gleichzeitig gegen die Islamisierung Österreichs wetterte.
Angesichts des offensichtlichen ökonomischen Desasters, das Haider seinen Nachfolgern hinterlassen hat, könnte er nun aber posthum selbst ins Visier jenes Volkszorns geraten, den er zu Lebzeiten so virtuos bedient hat. Andreas Mölzer nutzt als langjähriger Chefideologe des äußersten rechten Flügels der FPÖ die Gelegenheit zur Generalabrechnung mit Haider, dessen »politische Irrwege« korrigiert werden müssten. Mölzer konstatiert, die FPÖ habe sich in der Koalition mit der ÖVP »politisch-ideologisch verkauft«. Gegen die »unideologische Buberlpartie«, jene nun als unpolitische Karrieristen geschmähten Jungmänner, die im Gefolge Haiders Karriere in der Partei gemacht hatten, bringt er das »historisch gewachsene national-freiheitliche Lager« in Stellung, und gegen das verlotterte »System Haider« macht er die »freiheitliche Gesinnungsgemeinschaft« stark, die in der heutigen FPÖ unter Heinz-Christian Strache wieder das Sagen habe. Gegen die »ideologischen Null-Gruppler« setzt er »ideologisch motivierte Nationale« die »Haider bewusst von der Macht ferngehalten« habe.
Aber sollten die Freiheitlichen nochmals von der ÖVP oder der Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ) in Regierungsverantwortung gehievt werden, was angesichts eines zu erwartenden Stimmenanteils bei den Nationalratswahlen 2013 zwischen 20 und 30 Prozent keineswegs auszuschließen ist, müssten sie sich mit den gleichen Widersprüchen herumschlagen, an denen letztlich auch Haider gescheitert ist: Wie lässt sich die von der FPÖ über Jahre betriebene »Verschlankung« des Staates mit der Protektion der eigenen Klientel vereinbaren? Selbst in Ungarn, wo die Fidezs-Regierung, befeuert von der offen antisemitischen und rassisitischen Jobbik-Opposition, innenpolitisch die Transformation zur autoritär-völkischen Gemeinschaft mit Tiraden gegen die EU und das internationale Kapital garniert, zeigt sich das Problem der umstandslosen Umsetzung einer isolationistischen Politik gegenüber dem Westen in einer weitestgehend in den Weltmarkt integrierten Ökonomie mitten in Europa. Das klassisch faschistische Modell des überbordenden Staatskonsums samt militärischem Expansionsdrang scheint keine Option zu sein. Das Beispiel Kärntens unter Jörg Haider hat gezeigt, dass es auch durch die Kooperation mit antisemitischen Ölpotentaten wie Saddam Hussein oder Muammar Gaddafi auf Dauer nicht substituiert werden kann und in Ungarn ist es ausgesprochen fraglich, ob die sowohl von Fidezs als auch von Jobbik betriebene Annährung an das iranische Regime samt Ausbau der bisher vergleichsweise unterentwickelten ökonomischen Beziehungen eine ernsthafte Alternative darstellt. Nur macht das die Hetze der Freiheitlichen oder der ungarischen Rechtsparteien ebenso wenig ungefährlich wie die Tatsache, dass das antisemitische Ressentiment in Österreich mit Stefan Petzner einen der bizarrsten Politikerdarsteller der Zweiten Republik als seinen Protagonisten gefunden hat.

Fußnoten

  1. Uli Krug, Mobilisierte Gesellschaft und autoritärer Staat. Der nicht enden wollende Nationalsozialismus oder: Die Aktualität Max Horkheimers, in: Stephan Grigat (Hrsg.), Postnazimsus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert, Freiburg 2012, 219 f.
  2. http://derstandard.at/1315006621769/So-etwas-hatten-wir-schon-einmal-Empoerung-ueber-Fekters-Vergleich-zwischen-Juden–und-Reichenverfolgung vom 17. September 2011.
  3. Zur Geschichte und Gegenwart der Feiern am Ulrichsberg sowie ihrer Bedeutung für die österreichische Vergangenheitspolitik vgl. Arbeitskreis gegen den Kärntner Konsens (Hrsg.), Friede, Freude, deutscher Eintopf. Rechte Mythen, NS-Verharmlosung und antifaschistischer Protest, Wien 2011.
  4. Günther Jacob, Das Geheimnis des Bärentals. Die Industrialisierung der »Ostmark«, die Erben des Wirtschaftswunders und die Rätsel der Erinnerung, in: Hermann L. Gremliza (Hrsg.), Braunbuch Österreich. Ein Nazi kommt selten allein, Hamburg 2000, 32 ff.
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Wagner in Israel

Nachdem die „Ausscheidung“ des  Juden aus der Gesellschaft als angeblich „schädlichem Element“ glücklicherweise nicht gelungen ist,  steuern „gemäßigte Antisemiten“ eher den Kurs der „Wiedereingliederung“ an. Das Ziel scheint wenigstens tendenziell der „Heil Hitler“ grölende Jude zu sein, betrachtet man das, was Mitte Juni 2012 Israelis abverlangt werden sollte. Aber der Reihe nach.

Für 18. Juni 2012 war ein Richard Wagner-Konzert anberaumt. Nicht in Bayreuth, nein, in Tel Aviv sollte es stattfinden, genaugenommen im Smolarz-Auditorium der Universität Tel Aviv. Doch „leider“ musste es annulliert werden. Vermutlich weiß „der Israeli“ die „deutsche Hochkultur“ nicht zu schätzen, könnte der „ahistorisch Vorgebildete“ glauben. Der Grund ist ein anderer:

Bereits 1850 hielt Richard Wagner es für notwendig, den „hebräischen Kunstgeschmack“ näher zu erörtern, um „das unwillkürlich Abstoßende, welches die Persönlichkeit und das Wesen der Juden für uns hat, zu erklären, um diese instinktmäßige Abneigung zu rechtfertigen, von welcher wir doch deutlich erkennen, dass sie stärker und überwiegender ist, als unser bewusster Eifer, uns dieser Abneigung zu entledigen.“ Er schrieb dazu den Aufsatz „Das Judenthum in der Musik“ in der Absicht „den Einfluß der Juden auf unsere Musik mit Aussicht auf Erfolg noch zu bekämpfen“ und vertritt darin die These, dass „der Jude“ an sich unfähig sei, „weder durch seine äußere Erscheinung, seine Sprache, am allerwenigsten aber durch seinen Gesang, sich uns künstlerisch kundzugeben“. Als gebildete Juden seien jüdische Komponisten bestrebt, die „auffälligen Merkmale ihrer niederen Glaubensgenossen“ von sich abzustreifen. Gerade dadurch aber seien sie zur „tiefen seelenvollen Sympathie mit einer großen gleichstrebenden Gemeinsamkeit“, deren unbewussten Ausdruck der wahre Musiker und Dichter zu deuten habe, nicht fähig. Was „der gebildete Jude“ auszusprechen habe, „wenn er künstlerisch sich kundgeben“ wolle, könne „nur das Gleichgültige und Triviale sein, weil sein ganzer Trieb zur Kunst ja nur ein luxuriöser, unnötiger“ sei.

Bis zur Wiederveröffentlichung der 1850er-Schrift in einer Publikation von 1869 sollten sich dem Antisemitismus Wagner`scher Prägung  jedoch noch weitere Einflüsse hinzuzugesellen. Insofern lässt sich bei Richard Wagner auch einiges Gedankengut des modernen Rassismus von Arthur de Gobineau nachweisen, der die Menschheit in „Rassen“ einteilte und alles, „was es an menschlichen Schöpfungen, Wissenschaft, Kunst, Civilisation, Großes, Edles, Fruchtbares auf Erden gibt“ einer „Edelrace“, nämlich der „weißen Rasse“ und in ihr speziell den Ariern, den „Ehrenhaften“ zusprach. Die „weiße Rasse“ verfügte nach gobinistischen Vorstellungen  über ein „besonderes, kulturförderndes Blut“, das durch Vererbung weitergegeben wurde und, indem es seine Besitzer mit einem „Monopol der Schönheit, der Intelligenz und der Kraft“ ausstattete, zugleich gesellschaftlich rangbildend wirkte.

Gobineaus Werk „Essai sur l’inégalité des races humaines“, das erstmals eine umfassende Deutung der Weltgeschichte auf der Grundlage des Rassenprinzips lieferte, erschien von 1853 bis 1855, also noch vor Darwins Origin of Species (1859), so dass von einer Einflussnahme Darwins auf Gobineau nicht gesprochen werden kann.  Von einer Einflussnahme Gobineaus auf Wagner und dieser beiden wiederum auf die deutsche politische Rechte Mitte des 19. Jahrhunderts muss jedoch ausgegangen werden.

So erschien in den Bayreuther Blättern 1882/1883 auf Veranlassung Wagners eine umfangreiche Zusammenfassung des „Essai sur l’inégalité des races humaines“ von Hans von Wolzogen. Weiterhin publizierten die Bayreuther Blätter regelmäßig die Berichte der im Jahre 1894 gegründeten Gobineau-Gesellschaft. Wagner bewunderte die Schrift Gobineaus; ihn faszinierte vor allem dessen Vision der Arierdämmung. Und dennoch war der Rassismus bei Gobineau noch nicht mit dem Antisemitismus verbunden; diese Verbindung wurde erst durch die Gobineau-Rezeption im Umfeld Richard Wagners hergestellt, indem ein „Rassenkampf“ zwischen „Ariern“ und „Semiten“ in Gobineaus Werk hineininterpretiert wurde, obwohl Gobineau die Juden zur „weißen Rasse“ gezählt hatte.

Speziell im Hinblick auf die Frage, inwieweit der Antisemitismus Wagners mentale Voraussetzungen des Holocaust im nationalsozialistischen Deutschland vorwegnimmt, ist der folgende Textabschnitt im Nachwort der 1869er Publikation des o.g. Aufsatzes aufschlussreich: „Ob der Verfall unsrer Kultur durch eine gewaltsame Auswerfung des zersetzenden fremden Elements aufgehalten werden könne, vermag ich nicht zu beurteilen, weil hierzu Kräfte gehören müssten, deren Vorhandensein mir unbekannt ist. Soll dagegen dieses Element uns in der Weise assimiliert werden, dass es mit uns gemeinschaftlich der höheren Ausbildung unsrer edleren menschlichen Anlagen zureife, so ist es ersichtlich, dass nicht die Verdeckung der Schwierigkeiten dieser Assimilation, sondern nur die offenste Aufdeckung derselben hierzu förderlich sein kann.

Die Ahnung darüber, wie diese „edlere menschliche Anlage“ für Wagner ausgesehen haben könnte, bekommt, wer seine Schriften studiert. Die „geistige NS-Vorläuferschaft“ und damit das „Salonfähigmachen der Bierkellerideologie“ kann nur mit geschlossenen Augen überlesen werden.  Richard Wagner war nicht zufällig Adolf Hitlers Lieblingskomponist.

Das Allgemeinwissen, dass Richard Wagner Judenfeind war, sollte zumindest durch das oben Beschriebene zu keimen beginnen und zum Verständnis für die „Absage aus Tel-Aviv“, die erst unter dem Druck wütender Holocaust-Überlebender zustande kam, heranwachsen.

lg LL

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Judenthum_in_der_Musik

http://www.tabvlarasa.de/38/Lausberg.php

Epilog:

Der Holocaust-Überlebende Noah Klieger erklärte wohl artikuliert dazu: „Wagner wird in Israel nicht wegen seines Antisemitismus‘ verachtet, die Israelis könnten nur sehr wenig hören oder lesen, wenn sie alle antisemitischen Künstler ablehnten. Wagner sei mehr als ein Antisemit, er sei ein „übler Rassentheoretiker“, wie aus Briefen und Dokumenten hervorgehe. Es gibt in Israel keine Gesetze dagegen, von Richard Wagner komponierte Musik zu spielen – nur können es eben viele Menschen nicht ertragen, die öffentlich zu hören…

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Esoterik und Antisemitismus

Eine kritische Analyse von Esoterik-Magazinen

Auf den ersten Blick scheint die Esoterik-Szene eine apolitische und harmlose Bewegung zu sein. Schaut man sich einschlägige Publikationen der Szene, wie z.B.“esotera“, „connection“ oder die Schweizer Produktion „Spuren“ an, dominieren in erster Linie Gesundheitsthemen mit z.T. obskuren Heilmethoden und eine fassettenreiche Suche nach Erleuchtung und dem Übersinnlichen. Bei einer genaueren Analyse der Szene-Inhalte fällt dem kritischen Beobachter/der kritischen Beobachterin aber schnell das irrationale, antimoderne, antisoziale und antiaufklärerische Gedankengut dieser Szene auf. Anhand weniger Punkte soll im Folgenden aufgezeigt werden, auf welche Grundsätze und Ideologien sich das Denken der Esoterik-Szene stützt, aus welchen Gründen sich gerade in dieser Szene antisemitisches Denken wiederfindet und welche ExponentInnen eine herausragende Rolle spielen.

SOZ-MAG Gast-Beitrag von Bernhard Piller

Schicksalsgläubigkeit, Karma und esoterischer Antisemitismus

Der Glaube an das Schicksal ist nicht zwingend mit der Philosophie der Esoterik-Szene verknüpft, umgekehrt stellt die Schicksalsgläubigkeit aber ein zentrales Element der Ideologie der Esoterik-Szene dar. Krankheiten z.B. werden in der Esoterik-Szene vorwiegend schicksalhaft gedeutet, sie sind Zeichen kosmischer Gesetze einerseits und selbstverschuldetes Schicksal andererseits. Das Leben ist vorgezeichnet, der Mensch vollzieht nach, er/sie muss sich nur fügen, alles liegt letztlich in Gottes Hand. Verbunden mit der Schicksalsgläubigkeit ist der Glaube an die Widergeburt und die damit verknüpfte Karmagläubigkeit, sozusagen die Karmabedingtheit. In diesem Glauben werden Erinnerungen – wie z.B. Tragödien der Gewalt – die sich dem „Energiekörper“ eingeprägt haben, durch den Wiedergeburtsprozess weitergegeben und werden so unser seelisches Erbe – unser Karma. Beim Glauben an die Wiedergeburt handelt es sich um einen Kernpunkt esoterischen Denkens. Gesellschaftliche Ungleichheit und Ungerechtigkeit oder auch Armut und individuelles Leid wird als Schicksal begriffen. Die Zustände werden als eine unveränderliche Grösse betrachtet. Widerstand oder gar die Veränderung bestehender Verhältnisse ist zwecklos.

Die Schicksalsgläubigkeit hat hier vorwiegend mit dem Prinzip der Esoterik-Szene zu tun, dass alle Dinge im Universum eine ganz bestimmte Funktion im kosmischen Gefüge erfüllen. Alles fügt sich in eine „höhere Ordnung“ ein. Die einzige Aufgabe besteht eigentlich darin, sich dem „göttlichen“ Lauf der Dinge des Universums anzupassen. Da sich alles in den Dienst der kosmischen Gesetze stellen muss, ist auch Gelassenheit angesagt, da der Weg so oder so vorgezeichnet ist. Schlussendlich geht es den EsoterikerInnen darum, sich von jeglicher irdischen Gebundenheit zu lösen und in einer geistigen oder auch astralen Welt aufzugehen. Ganz deutlich äussert sich diesbezüglich Fritjof Capra, indem er den freien menschlichen Willen in Frage stellt. „Der relative Begriff des freien Willens scheint in Übeinstimmung zu stehen mit der Lehre mystischer Überlieferungen, deren Anhänger ermahnt werden, die Vorstellung von einem isolierten Selbst zu transzendieren und sich dessen bewusst zu werden, dass wir untrennbare Teile des Kosmos sind, in den wir eingebettet sind. Ziel dieser Überlieferungen ist es, sich vollständig aller Ich-Empfindungen zu entledigen und in mystischer Erfahrung mit der Totalität des Kosmos zu verschmelzen“ (Capra 1999, S. 298). Und weiter schreibt er, „sobald ein solcher Zustand erreicht ist, scheint die Frage nach dem freien Willen ihre Bedeutung zu verlieren. Wenn ich das ganze Universum bin, dann kann es keine Einflüsse von außen geben“ (Capra 1999, S. 299). Auf diese Weise berauben sich die EsoterikerInnen jeglichen Gestaltungswillen und jeglicher Gestaltungsmacht.

Ganz generell wird auf der Folie der Karmalehre auch immer wieder der Holocaust gerechtfertigt. Z.B. mit der Aussage: soziales Elend sei auf eine Schuld zurückzuführen die der Betroffene in seinem Vorleben auf sich geladen hat. So wird der Holocaust mit der Aussage gerechtfertigt, die Juden hätten lediglich ihr schlechtes Karma abzutragen gehabt, sie hätten durch das Feuer der Reinigung gehen müssen. Die Ermordung der Juden und Jüdinnen im Dritten Reich wird so – und dies im Stillen wohl von vielen EsoterikerInnen – für selbstproduziertes Schicksal gehalten.

Der Law-and-order-Esoteriker Trutz Hardo meint sogar, der Holocaust sei das Bestmögliche was den Juden habe zustossen können, er habe ihr seelisch-spirituelles Wachstum vorangetrieben. Das ist ausdrücklich die Antwort auf die Frage nach dem „Sinn“ von Konzentrationslagern.

Neben dem Schicksals- und dem Karmaglauben gilt das Denken in Analogien als ein weiterer Kernpunkt esoterischer Ideologie.

„Dasjenige, welches Unten ist, ist gleich demjenigen, welches Oben ist: Und dasjenige, welches Oben ist, ist gleich demjenigen, welches Unten ist, um zu vollbringen die Wunderwerke eines einzigen Dinges (Dethlefsen 1979, S. 28-32).

Dieses Denken ist dem uns geläufigen analytisch kausalen Denken diametral entgegengesetzt. Alles wird mit diesem Prinzip gleichgesetzt. Mikrokosmos gleich Makrokosmos, „Leere ist Fülle und Fülle ist Leere“(esotera 2/2000, S.41). Gefährlich wird es, wenn eine TäterInnen-Opfer-Analogie konstruiert wird: „Auch die Täter litten“ (connection 2/2001, S. 49), oder bei Hellingers Familientherapie: „Erst wenn die toten Täter mit den toten Opfern vereint sind, kann Frieden entstehen. Opfer und Täter fühlen sich von einer höheren Macht sowohl gesteuert wie getragen, einer Macht, deren Wirken wir nicht durchschauen“ (spuren 3/2001, S. 55). Mit einer solchen undifferenzierten, konstruierten Gleichsetzung von Opfern und TäterInnen kann die Schuld der Schuldigen schnell entschuldigt werden.

„Würden wir mit den Augen des Ganzen sehen, wäre uns klar, dass alles Gott ist und daher niemand leiden kann, und sollte er gar getötet werden. Denn der Mörder, das Opfer, der Dolch, alles war und ist eins, von Anbeginn“ (Boerner, in: connection 5/2000, S. 38). Fast schon pervers wirkt dieses Prinzip bei sogenannten Rückführungstherapien, bei der gemäss dieser Logik Opfer und TäterInnen – in ihren verschiedenen Leben – als Erscheinungsformen ein und desselben Menschen alle alles einmal durchspielen. TäterInnen können demnach ebenso Opfer sein, wie Opfer TäterInnen und mit einer solchen Argumentation befindet man sich auf direktem Weg zur Verharmlosung des Holocaust. Wird diese Logik konsequent zu Ende gedacht, werden jegliche ethisch-moralischen Regeln, welche vom Zusammenleben zwischen den Menschen innerhalb eines einmaligen Lebens ausgehen, hinfällig. Wird nach diesem Prinzip – wie in der Szene üblich – eine Mensch-Tier-Analogie, sozusagen eine Gleichsetzung von Mensch und Tier konstruiert: „Was der Mensch Tieren antut, das tut er schließlich auch immer Menschen an, die Folterkeller und Konzentrationslager des Planeten zeugen davon“ (connection 2/2001, S. 11), führt das in der Konsequenz ebenso zu einer Verharmlosung des Holocaust.

Der Antisemitismus bei Jung und Steiner

Nicht nur im Denken, in der esoterischen Ideologie, lassen sich antisemitische Denkmuster feststellen. Es wird in der Esoterik-Szene auch ganz hemmungslos und explizit Bezug auf antisemitische Autoren genommen. In den von mir analysierten Esoterik-Magazinen „esotera“, „connection“ und „Spuren“ sind die drei Exponenten Bhagwan/Osho, C.G. Jung und Rudolf Steiner diejenigen, auf welche am häufigsten Bezug genommen wird. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, da diese Autoren einen grossen Teil des esoterischen Fundus ausmachen.

Auf Bhagwans faschistoide Sektenstruktur welche in den 1980er Jahren in Oregon herrschte, will ich hier nicht weiter eingehen (Ausführlicheres zu Bhagwan vgl. Gess 1994, S. 291ff. & Gess 1995, S. 279-322).

C.G. Jung

C.G. Jungs Antisemitismus und seine Kollaboration mit dem deutschen Faschismus lässt sich an folgenden Punkten festmachen:

Erstens durch seine Mitarbeit in psychologischen Institutionen des NS-Staats, der Herausgabe des ,,Zentralblatts für Psychotherapie und ihre Grenzgebiete“ und durch den Vorsitz der ,,Internationalen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie“, deren deutscher Sektion der hochrangige NS-Aktivist Mathias Göring vorstand.

Zweitens durch seine vielfältigen Aktivitäten gegen die Psychoanalyse Sigmund Freuds und seine Denunziation der Psychoanalyse als ,,jüdisches Machwerk“. Beispielsweise durch die briefliche Korrespondenz mit seinem Schüler W.M. Kranefeldt, in der er die mögliche Denunziation der Psychoanalyse als ,,jüdisch“ erwog oder durch sein Rundfunk-Interview mit dem Psychotherapeuten A. Weizsäcker unmittelbar nach der Bücherverbrennung.

Drittens ist seine Theorie der Archetypen des kollektiven Unbewussten zu nennen. Diese Archetypen gelten als Schlüsselkategorien bei C.G. Jung, sie werden von ihm rassenspezifisch gefasst und sie sind für das Verständ-nis seines Schaffens unabdingbar. Beim kollektiven Unbewusst-sein handelt es sich gemäss Jung um eine überpersönliche Tiefenschicht des Unbewussten, welche als Niederschlag der Erfahrungen der Ahnenreihe gilt, sie kann als uralte, vererbte Grundschicht begriffen werden.

Gemäss dieser Theorie ging Jung von unbewussten kollektiven Vorstellungsmustern aus, die dem menschlichen Geist angeboren sind und als solche eine normative Gewalt ausüben, der kein Mensch entgehen kann. Er differenzierte explizit zwischen einem ,,arischen“ und einem ,,jüdischen“ Unbewussten und dies obwohl seit Beginn des NS-Staats absehbar war, dass eine Regierung, die eine archaische Rassenlehre propagiert, eine rassistische Praxis folgen lässt.

Der Ethnopsychoanalytiker Mario Erdheim äussert sich in einem Interview mit der psychologischen Zeitschrift „Psychologie heute“ über den Zusammenhang von C.G. Jung, Faschismus und Esoterik wie folgt: ,,Am Beispiel von C.G. Jung wird deutlich, wie das Esoterische ins Faschistoide hineinführt. Wenn man die Jungsche Archetypenlehre genauer ansieht, kommt der Rassismus deutlich zum Vorschein. Jung ging davon aus, dass sich auf-grund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse eine ganz bestimmte Kultur, die von eben diesen Archetypen gelenkt wird, entwickelt. Das Jungsche Modell des kollektiven Unbewussten ist somit nichts anderes als Rassismus.“ Nach Erdheim sind Esoterik und Faschismus ganz allgemein Formen der Immunisierung gegenüber den realen Problemen einer Gesellschaft.

Und über C.G. Jungs Archetypenlehre und die Mentalität seiner gegenwärtigen ,,esoterischen“ Anhängerschaft urteilt Erdheim: ,,Es liegt zumindest eine Art Immun-schwäche gegenüber dem Faschismus vor. Die Vorstellung des Archetypus macht einen hilflos gegenüber faschistoiden Entwicklungen, das ist das eine, und das andere – sie ist auch Ausdruck faschistoider Entwicklung, weil sie ein elitäres Denken enthält, das letztlich zu einer Theorie der Apartheid, zur Rassentrennung führt. Und dann landen Sie sehr schnell bei neofaschistischen Konstrukten. […] Aber sicher ist, Auschwitz, genau wie Hiroshima, können mit dem Theorem des kollektiven Unbewussten, das jede Form gesellschaftlicher Entwicklung als Teil eines kosmischen Geschehens sieht, nicht verstanden werden“ (Psychologie heute, 7/1997, S. 39f.).

Viertens sah Jung in der deutschen faschistischen Bewegung die ideale Voraussetzung zur Überprüfung seiner Individuationslehre. Jene unruhig durch die Lande schweifenden Völkerscharen, die Jung vor seinem geistigen Auge beschwor, schienen für den von mythischen Gestalten faszinierten Jung ein geradezu evidenter Beweis für die Stichhaltigkeit seiner Lehre von den Archetypen des kollektiven Unbewussten zu sein. Der Wotan ist, wenn man denn so will, Jungs Beitrag zur Analyse der Massenpsychologie des Faschismus. Dieser Punkt scheint neben seiner in antisemitischen Stereotypen verhafteten Denkweise der Hauptgrund für sein langjähriges Näheverhältnis zum NS-Staat zu sein. Jung verkörpert in diesem Kontext die Figur des Forschers, der die Schutzdistanz verliert und dem Gegenstand seiner Faszination schließlich erliegt.

Nach dem zweiten Weltkrieg unternimmt Jung diverse vordergründige Versuche, sich vom NS-Faschismus zu distanzieren. An seiner Theorie vom kollektiven Unbewussten hält er aber uneingeschränkt fest.

Heutige esoterische bzw. neofaschistische AutorInnen – wie z.B. Franz Alt, Rudolf Bahro, Eugen Drewermann und Fritjof Capra – beziehen sich in ihren Publikationen alle ausschliesslich positiv auf C.G. Jung. Alts Interpretation von Jesus z.B. ist im übrigen nur eine Neuauflage des Jungschen Antisemitismus, dies ist in einer ausführlichen Analyse bei Heinz Gess (1994) nachzulesen.

Rudolf Steiner

Auch die Ideologie Rudolf Steiners ist von Rassismen und antisemitischen Elementen durchzogen. Der Begründer der Anthroposophie hielt an der Ideologie germanisch-nordischer Vorrangstellung auch nach seiner Trennung von der Theosophie und der Gründung seiner anthroposophischen Gesellschaft unbeirrt fest.

Eine der wichtigsten Grundlagen der Anthroposophie ist die sogenannte „Wurzelrassenlehre“, die eine rassistische Konstruktion darstellt und auf die Theosophin Helena Blavatsky zurückgeht. Demnach sind bestimmte Rassen und Völker die auserwählten und von Geistwesen geführten Träger spiritueller Höherentwicklung. Steiner sieht die blonden europäischen Arier als Höhepunkt einer Entwicklung an, die insbesondere Indianer, Schwarze, Asiaten und Juden nicht erreicht haben. Nach der Wurzelrassenlehre ist die nordisch-germanische Rasse von 1415 bis zum Jahr 3573 die auserwählte Rasse (vgl. Bierl 1999, S. 85). Eine Rolle spielt in diesem evolutionistischen Denken der angeblich versunkene Kontinent Atlantis, aus dem sich die verschiedenen Rassen hochentwickelt hätten, am höchsten demnach die europäisch-arische.

Rudolf Steiner äußerte sich vielfach auch ganz konkret in antisemitischer Weise über den verderblichen Einfluss der Juden in der Medizin oder über ihre angebliche Unfähigkeit, schöpferisch bildhauerisch tätig zu sein. Deutlich wird dies in folgender Aussage: “Das Judentum als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung des modernen Völkerlebens, und dass es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte, dessen Folgen nicht ausbleiben konnten. Wir meinen hier nicht die Formen der jüdischen Religion alleine, wir meinen vorzüglich den Geist des Judentums, die jüdische Denkweise.“ (Steiner: Gesammelte Aufsätze der Literatur, Dornach 1971, S. 152 f, GA 32).

Die Anthroposophie wirkt auch im erweiterten Sinne rassistisch, da man ihren kulturellen Führungsanspruch an sich selbst als ein ‚Sich selbst erhöhen’ feststellen kann. Das zeigt sich deutlich aufgrund der Minderbewertung des philosophischen Materialismus und der Abwertung bestimmter Völker. Zudem huldigt die Anthroposophie einem Führerkult, da Steiner unter AnthroposophInnen als Menschheitsführer angesehen wird. Völkisch ist sie im weiteren insofern, als sie von Volksgeistern und Gruppenseelen ausgeht. Letztlich ist die Anthroposophie antiaufklärerisch und im Kern irrational und regressiv. Die meisten AntroposophInnen bestreiten den Antisemitismus und Rassismus Steiners und seiner Anthroposophie. Sie stehen allerdings auf schwankendem Boden, da sie bei Steiner wenig finden, worauf sie sich berufen können. Deshalb werden viele seiner Aussagen mit verschwommenerem Inhalt entsprechend zurechtgebogen. Die beachtliche Fähigkeit mancher AnthroposophInnen, ihnen Unangenehmes im Werk Steiners zu übersehen, sollte nicht unterschätzt werden.

Es gibt, was in den Medien merkwürdigerweise gar nicht thematisiert wird, auch ganz aktuelle Beispiele, wie sich antisemitisches Gedankengut und esoterisches Denken überschneiden und treffen. Jürgen Möllemanns Antisemitismus muss nicht weiter ausgeführt werden, dass er sich aber auch intensiv für einen Geistheiler einsetzte, ist den Wenigsten bekannt.

Die Mainstream Esoterik

Die von mir untersuchten Esoterik-Magazine esotera, connection und spuren können zur Mainstream Esoterik gezählt werden. Charakteristisch für den Mainstream der Szene ist seine Widersprüchlichkeit. Einerseits lassen sich in den Magazinen Artikel finden, in denen Rassismus, Nationalismus und Menschenrechtsverletzungen als Problem perzipiert und entsprechend verurteilt werden. Auf der anderen Seite wird in gewissen Beiträgen eine universalistische oder liberale Werthaltung ausdrücklich als Problem perzipiert. Es lassen sich Stellen finden, in denen eine Volkstradition als bedroht angesehen wird, einmal wird sogar in der bekannten stereotypen, antisemitischen Weise den Freimaurern und den Juden/Jüdinnen die Weltherrschaft unterstellt (spuren 2/2001, S. 44f.).

Ein weiterer Widerspruch lässt sich an den penetranten Rückgriffen auf Vergangenes, alte Kulturen, Mythologien, Heilige Orte usw. festmachen. Im Verlauf der Moderne gab und gibt es zwar immer wieder eine Hinwendung zu archaischen Kulturen, zur „guten alten“ Zeit allgemein, die als positiver Gegenpol zur jeweils herrschenden, zur Mainstreamkultur, propagiert wird. In der Esoterik-Szene trifft die Beschäftigung mit Vergangenem aber auf eine ganz besondere Vorliebe. Das Motiv eines neuen harmonischen Zeitalters ist unter anderem auch mit der Vorstellung eines gewissen Archaismus verbunden: Die durch einen Bewusstseinswandel und ein ganzheitliches Denken herzustellende Harmonie hatte nämlich in den Augen der Esoterik-Szene bestanden, bevor sie von der modernen Zivilisation verdeckt oder überlagert wurde. Es besteht die Meinung, dass nur die inneren Fähigkeiten wieder entdeckt werden müssen. Von den vermittelten Inhalten her ist die Esoterik-Szene im allgemeinen rückwärtsgewandten und traditionalen Ideen und Ideologien verpflichtet. Bezüglich ihrer Form und ihren Methoden – und das ist der Widerspruch – präsentiert sich die Esoterik-Szene hingegen hochmodern und ist mit dem kapitalistischen System hundertprozentig kompatibel.

Explizit rassistische und antisemitische Äusserungen von Jung und Steiner lassen sich heute in den Mainstream-Esoterikmagazinen zwar nicht mehr finden, da sind die Magazine seit Mitte der 1990er Jahre vorsichtiger geworden. Es findet aber eine absolut unkritische Widergabe der Ideologien dieser Autoren statt. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass für die Esoterik-Szene im mindesten ein nicht zu unterschätzendes Mass an Kritiklosigkeit, im besonderen gegenüber antisemitischem Gedankengut, charakteristisch ist.

Ganz im Gegensatz zu dieser Szene möchte ich hier für ein kritisches Denken mit aufklärerischem Charakter als Einspruchinstanz in Bestehendes plädieren. Das antisemitische Gedankengut der Esoterik-ExponentInnen muss schonungslos ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden.

Bernhard Piller studierte an der Universität Zürich Soziologie, Politikwissenschaft und Pädagogik. Das Interesse an einer kritischen Auseinandersetzung mit der Esoterik entstand aus der Erfahrung, dass gerade in politisch links-grünen Kreisen esoterisches Gedankengut immer wieder einen grossen Anklang findet. In Kreisen die sich normativ gewendet eigentlich kritisch aufklärerisch verhalten sollten. Heute arbeitet er im Kampagnenbüro für die am 18. Mai zur Abstimmung kommenden Initiativen „Strom ohne Atom“ und „MoratoriumPlus“. Der Artikel basiert auf seiner Lizentiatsarbeit „Deutungsmuster und Weltbilder in der „Esoterik-Szene“.

Literaturauswahl

Bierl, Peter (1999): Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister – Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik. Hamburg: Konkret Literatur.

Capra, Fritjof (1999 (1983)): Wendezeit – Bausteine für ein neues Weltbild. München: Knaur.

Erdheim, Mario in Psychologie heute, 7/1997, S. 39f.

Gess, Heinz (1994): Vom Faschismus zum Neuen Denken. C. G. Jungs Theorie im Wandel der Zeit. Lüneburg: zu Klampen.

Gess, Heinz (1995): Der „Neue Mensch“ als Ideologie der Entmenschlichung. Über Bhagwans und Bahros Archetypus. In: Kern, Gerhard / Traynor, Lee: Die esoterische Verführung. Aschaffenburg – Berlin: IBDK. S. 279-322.

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