Wagner in Israel

Nachdem die „Ausscheidung“ des  Juden aus der Gesellschaft als angeblich „schädlichem Element“ glücklicherweise nicht gelungen ist,  steuern „gemäßigte Antisemiten“ eher den Kurs der „Wiedereingliederung“ an. Das Ziel scheint wenigstens tendenziell der „Heil Hitler“ grölende Jude zu sein, betrachtet man das, was Mitte Juni 2012 Israelis abverlangt werden sollte. Aber der Reihe nach.

Für 18. Juni 2012 war ein Richard Wagner-Konzert anberaumt. Nicht in Bayreuth, nein, in Tel Aviv sollte es stattfinden, genaugenommen im Smolarz-Auditorium der Universität Tel Aviv. Doch „leider“ musste es annulliert werden. Vermutlich weiß „der Israeli“ die „deutsche Hochkultur“ nicht zu schätzen, könnte der „ahistorisch Vorgebildete“ glauben. Der Grund ist ein anderer:

Bereits 1850 hielt Richard Wagner es für notwendig, den „hebräischen Kunstgeschmack“ näher zu erörtern, um „das unwillkürlich Abstoßende, welches die Persönlichkeit und das Wesen der Juden für uns hat, zu erklären, um diese instinktmäßige Abneigung zu rechtfertigen, von welcher wir doch deutlich erkennen, dass sie stärker und überwiegender ist, als unser bewusster Eifer, uns dieser Abneigung zu entledigen.“ Er schrieb dazu den Aufsatz „Das Judenthum in der Musik“ in der Absicht „den Einfluß der Juden auf unsere Musik mit Aussicht auf Erfolg noch zu bekämpfen“ und vertritt darin die These, dass „der Jude“ an sich unfähig sei, „weder durch seine äußere Erscheinung, seine Sprache, am allerwenigsten aber durch seinen Gesang, sich uns künstlerisch kundzugeben“. Als gebildete Juden seien jüdische Komponisten bestrebt, die „auffälligen Merkmale ihrer niederen Glaubensgenossen“ von sich abzustreifen. Gerade dadurch aber seien sie zur „tiefen seelenvollen Sympathie mit einer großen gleichstrebenden Gemeinsamkeit“, deren unbewussten Ausdruck der wahre Musiker und Dichter zu deuten habe, nicht fähig. Was „der gebildete Jude“ auszusprechen habe, „wenn er künstlerisch sich kundgeben“ wolle, könne „nur das Gleichgültige und Triviale sein, weil sein ganzer Trieb zur Kunst ja nur ein luxuriöser, unnötiger“ sei.

Bis zur Wiederveröffentlichung der 1850er-Schrift in einer Publikation von 1869 sollten sich dem Antisemitismus Wagner`scher Prägung  jedoch noch weitere Einflüsse hinzuzugesellen. Insofern lässt sich bei Richard Wagner auch einiges Gedankengut des modernen Rassismus von Arthur de Gobineau nachweisen, der die Menschheit in „Rassen“ einteilte und alles, „was es an menschlichen Schöpfungen, Wissenschaft, Kunst, Civilisation, Großes, Edles, Fruchtbares auf Erden gibt“ einer „Edelrace“, nämlich der „weißen Rasse“ und in ihr speziell den Ariern, den „Ehrenhaften“ zusprach. Die „weiße Rasse“ verfügte nach gobinistischen Vorstellungen  über ein „besonderes, kulturförderndes Blut“, das durch Vererbung weitergegeben wurde und, indem es seine Besitzer mit einem „Monopol der Schönheit, der Intelligenz und der Kraft“ ausstattete, zugleich gesellschaftlich rangbildend wirkte.

Gobineaus Werk „Essai sur l’inégalité des races humaines“, das erstmals eine umfassende Deutung der Weltgeschichte auf der Grundlage des Rassenprinzips lieferte, erschien von 1853 bis 1855, also noch vor Darwins Origin of Species (1859), so dass von einer Einflussnahme Darwins auf Gobineau nicht gesprochen werden kann.  Von einer Einflussnahme Gobineaus auf Wagner und dieser beiden wiederum auf die deutsche politische Rechte Mitte des 19. Jahrhunderts muss jedoch ausgegangen werden.

So erschien in den Bayreuther Blättern 1882/1883 auf Veranlassung Wagners eine umfangreiche Zusammenfassung des „Essai sur l’inégalité des races humaines“ von Hans von Wolzogen. Weiterhin publizierten die Bayreuther Blätter regelmäßig die Berichte der im Jahre 1894 gegründeten Gobineau-Gesellschaft. Wagner bewunderte die Schrift Gobineaus; ihn faszinierte vor allem dessen Vision der Arierdämmung. Und dennoch war der Rassismus bei Gobineau noch nicht mit dem Antisemitismus verbunden; diese Verbindung wurde erst durch die Gobineau-Rezeption im Umfeld Richard Wagners hergestellt, indem ein „Rassenkampf“ zwischen „Ariern“ und „Semiten“ in Gobineaus Werk hineininterpretiert wurde, obwohl Gobineau die Juden zur „weißen Rasse“ gezählt hatte.

Speziell im Hinblick auf die Frage, inwieweit der Antisemitismus Wagners mentale Voraussetzungen des Holocaust im nationalsozialistischen Deutschland vorwegnimmt, ist der folgende Textabschnitt im Nachwort der 1869er Publikation des o.g. Aufsatzes aufschlussreich: „Ob der Verfall unsrer Kultur durch eine gewaltsame Auswerfung des zersetzenden fremden Elements aufgehalten werden könne, vermag ich nicht zu beurteilen, weil hierzu Kräfte gehören müssten, deren Vorhandensein mir unbekannt ist. Soll dagegen dieses Element uns in der Weise assimiliert werden, dass es mit uns gemeinschaftlich der höheren Ausbildung unsrer edleren menschlichen Anlagen zureife, so ist es ersichtlich, dass nicht die Verdeckung der Schwierigkeiten dieser Assimilation, sondern nur die offenste Aufdeckung derselben hierzu förderlich sein kann.

Die Ahnung darüber, wie diese „edlere menschliche Anlage“ für Wagner ausgesehen haben könnte, bekommt, wer seine Schriften studiert. Die „geistige NS-Vorläuferschaft“ und damit das „Salonfähigmachen der Bierkellerideologie“ kann nur mit geschlossenen Augen überlesen werden.  Richard Wagner war nicht zufällig Adolf Hitlers Lieblingskomponist.

Das Allgemeinwissen, dass Richard Wagner Judenfeind war, sollte zumindest durch das oben Beschriebene zu keimen beginnen und zum Verständnis für die „Absage aus Tel-Aviv“, die erst unter dem Druck wütender Holocaust-Überlebender zustande kam, heranwachsen.

lg LL

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Judenthum_in_der_Musik

http://www.tabvlarasa.de/38/Lausberg.php

Epilog:

Der Holocaust-Überlebende Noah Klieger erklärte wohl artikuliert dazu: „Wagner wird in Israel nicht wegen seines Antisemitismus‘ verachtet, die Israelis könnten nur sehr wenig hören oder lesen, wenn sie alle antisemitischen Künstler ablehnten. Wagner sei mehr als ein Antisemit, er sei ein „übler Rassentheoretiker“, wie aus Briefen und Dokumenten hervorgehe. Es gibt in Israel keine Gesetze dagegen, von Richard Wagner komponierte Musik zu spielen – nur können es eben viele Menschen nicht ertragen, die öffentlich zu hören…

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3 Antworten zu Wagner in Israel

  1. thinktankboy schreibt:

    „Wagner wird in Israel nicht wegen seines Antisemitismus‘ verachtet, die Israelis könnten nur sehr wenig hören oder lesen, wenn sie alle antisemitischen Künstler ablehnten. “

    Das ist wohl wahr.

  2. rainer kühn schreibt:

    Wagner, so ist es. – Wenn bei Francis Ford Coppola 1979, kurz vorm Abitur, die Walküre den Film ‚Apocalyse now‘ zu einem Höhepunkt bringt, dann ist der Komponist zur Funktion geführt. Musik zum Maschinengewehr. Und grandiose kontrafaktische Bilder der Aufklärung. Ins Nichts. – Wie sagt man heute ohne Worte: I like.

  3. Louis Levy schreibt:

    An Wagners Grab sei ihm bewusst geworden, was seine Mission war, meinte Hitler. (Dina Porat)

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