„Resozialisierung“ geglückt?

Wie weit die „Resozialisierung“ Deutschlands schon eskaliert ist, nachdem es zweimal in den letzten hundert Jahren die Welt mit verheerenden Kriegen überzogen und Verbrechen unbegreiflicher Ausmaße begangen hat, konnte gestern Abend nach dem ersten Achtelfinale der Fußball WM 2010 live, im Bertelsmann Sender RTL, jeder erleben, der Augen hatte.

Rückblickend lässt sich abschätzen, dass dieser Prozess bereits unmittelbar nach Ende des letzen Krieges begann, als die Aufarbeitung der Naziverbrechen so mager wie eine Kartoffel bei fettarmer Zubereitung ausfiel. So wurde z.B. kein Nazi-Richter in der Bundesrepublik je verurteilt. Spitzenämter und –stellungen bekleideten meist Parteimitglieder und Männer der alten „NS-Funktionselite“. Kiesinger, Scheel, Carstens und Burda, Holtzbrinck, Mohn (Bertelsmann), um nur wenige aus der Politik- und Medienbranche zu nennen.

Weiter ging die „Entfaltung“ rasant über die Einführung militärischer Strukturen in der BRD und DDR in den 1950er Jahren, hin zur Wiedervereinigung und weiter mit dem Ruf »Nie wieder Auschwitz« auf den Lippen, in den Krieg gegen Jugoslawien. An einem lückenlosen Alibi arbeitete Deutschland ohne Unterlass. Z.B. indem man das neue Auschwitz nach Jugoslawien (heute auch gern nach Israel) verlegt(e) und dort gemeinsam mit den Westallierten, den Feinden von damals, bombardierte, um das alte vergessen zu machen. Der Deutsche David Hallbauer war damals der erste, der zwei Serben auf Befehl von Leutnant David Ferk  tötete. Ferk wurde mittlerweile mit der höchsten Armee-Auszeichnung, dem Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold, dekoriert. (Siehe „Das Sommermärchen des Patriotismus“ von Otto Köhler im Freitag vom 23.06.2006)

Seither gilt Deutschland wieder als „erwachsen“ und kann sich offenbar, ohne Skandal, alles leisten.

Auch gestern Abend wurde es im Rahmen des neuen Nationalismus zur Fußball WM 2010 wieder mal offenbar. Wie oben schon angeschnitten, trat also nach nichtssagenden Kommentaren von  Günter Jauch und Jürgen Klopp in RTL, und live auf dem Dortmunder „Friedensplatz“, der Rapper Bushido („Bushido“, aus dem Japanischen, bedeutet „Weg des Kriegers“, bürgerlich Anis Mohamed Youssef Ferchichi), zur „Einstimmung“ auf das heutige „Deutschlandspiel“, auf. Aufgrund undeutlicher Artikulation des „Stars“ wurden von mir nur Phrasen wie „Fahnen raus“, „Schwarz-Rot-Gold“, „stolz“, „Deutschland kämpft“ etc. verstanden. Nach Wiki-Recherche wurden Bushido in den Medien des Öfteren nationalistische und rassistische Inhalte und mangelnde Distanz zu rechtsextremen Fans vorgeworfen. Auch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien schätzt einzelne Lieder Bushido`s als jugendgefährdend ein. Dies scheint einer Verbreitung über das Massenmedium „RTL“ (Marktanteil seit den 90er Jahren grob um die 15 % !) keinen Abbruch zu tun, im Gegenteil. Über den wenig verstandenen Text seines Songs „Fackeln im Wind“ möchte ich noch gar nicht urteilen, allein sein Auftritt und die Optik, auf seinem linken Unterarm prangte deutlich lesbar das tätowierte Wort. „Ghetto“ und seine Verabschiedung erfolgte durch Anlegen der rechten Hand an die Schläfe (militärischer Gruß), war aus meiner Sicht unerträglich und geeignet mir Übelkeit zu verursachen. Wie mag da die als Insasse des Warschauer Ghettos vertiefte Empfindung eines Marcel Reich-Ranicki ausfallen, wenn er sieht, wie Derartiges kritiklos einem Millionenpublikum vorgeführt wird und glänzend ankommt, so dachte ich.

Die Deutschen wollen eben ihren Spass und den sollte man ihnen auch lassen, so urteilte kürzlich geschichtslos ein Commmunity-Mitglied zum neuen (und alten) Nationalismus. Die Deutschen auf dem Dortmunder „Friedensplatz“ jedenfalls riefen lautstark nach „Zugabe“ und das Duo Klopp-Jauch bedankten sich beim „Krieger“.

Wie weit geht also die „Resozialisierung“ noch in Deutschland oder ist sie gar schon geglückt?

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