Kognitive Dissonanz

In der (Sozial-)Psychologie wird ein als unangenehm empfundener Gefühlszustand, der dadurch entsteht, dass ein Mensch mehrere Kognitionen (Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten) hat, die nicht miteinander vereinbar sind, also eine Art von „Störgefühl“ für unser positives Selbstbild, als Kognitive Dissonanz bezeichnet.

Leicht kann es zu Dissonanzen kommen, wenn z.B. jemand, als Messdiener aufwuchs („Die Juden haben unseren Herrn Jesus (Gott!) getötet…“) oder jemand eine Verstrickung mit dem judenmordenden NS-Regime hatte und sich heute gerne als Freund Israels bezeichnen möchte, obwohl er arabische Angriffe auf Israel rechtfertigte und bei einem Besuch im Land möglicherweise deshalb mit Tomaten beworfen wurde.

Das Selbstbild ist wichtig, weil dieses  Bild, das man von sich selbst hat, die Persönlichkeit und die Zufriedenheit im Leben bestimmt. Dieses Bild bestimmt aber auch, ob wir zu unseren Mitmenschen eine positive Beziehung haben.

Dissonanzentstehung

Damit kognitive Dissonanz entsteht, müssen vier Schritte durchlaufen werden:

1. Verhalten (z.B.: jemand hat sich früher freiwillig zur Wehrmacht gemeldet) und Einstellung („Heute bin ich ein Freund Israels“) werden als widersprüchlich empfunden;

2. das Verhalten geschah freiwillig;

3. physiologische Erregung tritt ein;

4. das Verhalten wird für die Erregung verantwortlich gemacht;

Dissonanzauflösung

Da Dissonanz unser positives Selbstbild stört und als unangenehm empfunden wird, versuchen Personen, die Kognitionen in Einklang zu bringen (sie in eine „konsonante“ Beziehung zu bringen), um den negativen Gefühlszustand zu beenden.

Die Dissonanzauflösung (auch Dissonanzreduktion genannt) kann an jedem der vier Entstehungsschritte ansetzen:

  1. Der Widerspruch zwischen Verhalten und Einstellung wird heruntergespielt (z.B. „Ich war erst 17 Jahre alt, als ich zur Waffen-SS kam.“)
  1. Das Verhalten wird als erzwungen dargestellt („Ich musste so handeln, z.B. um der familiären Enge zu entkommen, nur deshalb meldete ich mich „freiwillig“ zur Wehrmacht“)
  1. Die physiologische Erregung wird gedämpft, meist durch Alkoholkonsum (Erklärungsurrogat: z.B. jemand sagte zu mir:  „Halt’s Maul, trink deinen Rotwein!“ – Symptom: „…seine purpurrote Nase zeigt Bekanntschaft mit dem Glase…“ usf.)
  1. Die Erregung wird auf andere Ursachen zurückgeführt (z.B.: Der ohnehin brüchige Weltfrieden werde durch Israel gefährdet oder das iranische Volk werde von Israel mit der präventiven Vernichtung bedroht oder nie kann man Israel kritisieren, ohne gleich als Antisemit zu gelten, u.s.f.“).

Entweder wird das Verhalten geändert, so dass es zur Überzeugung passt, oder die Überzeugung wird geändert, so dass sie zum Verhalten passt, oder weitere Überlegungen werden als Rechtfertigung hinzugezogen (z.B.: „Das frühere Opfer läuft Gefahr, Täter zu werden“). In der Regel ist eine der Kognitionen veränderungsresistenter als die andere, weshalb meistens die Kognition geändert wird, die am leichtesten zu ändern ist. Wenn die Handlung bereits geschehen ist, kann nur die Einstellung geändert werden („Auch wenn oder gerade weil ich ein Freund Israels bin, musste das mal gesagt werden, dass die Atommacht Israel den ohnehin brüchigen Weltfrieden gefährdet…o.s.ä.“)

Bei der Dissonanzauflösung unterscheidet man zwischen direkten und indirekten Strategien.

Direkte Strategien beziehen sich auf die Auflösung der für die Dissonanz verantwortlichen Diskrepanz zwischen Verhalten und Einstellung, d. h. Personen ändern ihr Verhalten, um es mit ihren Einstellungen in Einklang zu bringen, oder ändern ihre Einstellung bezüglich ihres Verhaltens.

Indirekt lässt sich Dissonanz auch durch Betonung guter Eigenschaften oder Fähigkeiten in anderen Bereichen kompensieren, zum Beispiel würde man, falls man sich inkompetent verhalten hat und dies Dissonanz erzeugt, nach anderen Verhaltensbereichen suchen, in denen man kompetenter ist.

Die Kriminologie bezeichnet Strategien, mit denen Täter ihre Verbrechen rechtfertigen, als Neutralisierung.

Man beachte, dass die angeführten Beispiele nur einige wenige Möglichkeit unter vielen darstellen und nicht zwingend immer in dieser Weise Konsonanz hergestellt werden muss.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Dissonanz

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Der deutsche “Moralfinger”!

Der heute 84-jährige und als „Moralfinger“ bekannte, frühere Waffen-SS-ler Günter Grass hat möglicherweise Angst seinen Antisemitismus nicht mehr rechtzeitig los zu werden und erdichtet sich deshalb schnell sinngemäß folgendes:

„Wir – als Deutsche belastet genug“ – müssen Verbrechen verhindern, indem wir sagen, „was gesagt werden muss“: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“. Der „Heuchelei des Westens überdrüssig“, fordert der Reimsoldat eine „Kontrolle des israelischen atomaren Potentials“…„in dieser vom Wahn okkupierten Region“.

Im Original liest sich das so!

So wie Fischer in Jugoslawien „Auschwitz verhindern“ wollte, will der Blechtrommler nun die Islamische Republik Iran (Land der Arier) und „die Welt“ vor Israel schützen. Dass der Gealterte zweierlei Maßstäbe anlegt und sich gemäß EUMC-Definition bzw. lt. Arbeitsdefinition deshalb den Antisemitismus-Vorwurf gefallen lassen muss, wird aus meiner Sicht schon daran deutlich, dass er eine iranische Atombombe für “unbewiesen“, ein israelisches Verbrechen dagegen für “voraussehbar” hält. Psychologisch ist Grass` Verhalten leicht als Schuldabwehrantisemitismus, der versuchten nachträglichen Entschuldung der Täter durch Anklage der damaligen Opfer, zu entlaven.

Vermutlich meint „Bewährungshelfer Grass“,  der Massenmord an den Juden verpflichte ihn, den im SS-Regime verstrickten, Israel mit Lob und vor allem mit viel Tadel moralisch beistehen zu müssen, damit das Opfer nicht rückfällig werde. Wenn`s um den Judenstaat geht, wird er, der Teil der Waffen-SS war, sogar zum Ostermarschierer und Pazifist, der besorgt vor deutschen Waffenexporten an Israel warnt, obgleich sich U-Boote in Israels Lage bekanntlich mehr als Defensivwaffen eignen, oder? Grass` Messen mit zweierlei Maß in seinem „Gedicht“, mit dem er sich vermutlich künstlerische Freiheit schaffen will, ist nicht zu überlesen. Nicht die Vernichtungsdrohung des Holocaust-Leugners Ahmadinedschad, nein Israel, das nie mit atomarem Erstschlag drohte, bedrohe den Weltfrieden. Weil man Israel nicht ohne des Antisemitismus` gezeiht zu werden kritisieren könne (Ein weiteres antisemitisches Vorurteil!), habe er, der Besorgte, so lange geschwiegen. Für diese Art der Einseitigkeit gibt es nur eine Vokabel: Antisemitismus!

PS: Es gibt Dichter, die`s besser können: Nobelpreis für Yellnikoff!

Nachtrag – Stimmen zu Grass:

Rolf Hochhuth: “Ich schäme mich…Du bist geblieben, was Du freiwillig geworden bist: der SS-Mann, der das 60 Jahre verschwiegen hat…“

Beate Klarsfeld: „…die gleiche antisemitische Musik..”

Daniel Jonah Goldhagen: “Verfälscher seiner eigenen Nazi-Vergangenheit”

Reich-Ranicki: “Ein ekelhaftes Gedicht…Das ist eine Gemeinheit, so etwas zu publizieren.”

Elie Wiesel: „Ist der alte Deutsche plötzlich zurückgekehrt und hat sein Haupt erhoben?“

Angenommen, Stefan Frank wäre in einem imaginären moralischen Gericht zum Rechtsbeistand von Günter Grass (also zum Advocatus Grassi) bestimmt worden, so würde er sich die Frage stellen: Soll ich darauf plädieren, dass Grass aufgrund einer Demenz unzurechnungsfähig ist, und zum Beweis das Fernsehinterview mit Tom Buhrow präsentieren?

PPS: Wissenschaftlich belegt – Grass`Text bedient moderne antisemitische Klischees!

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Was geschah im Nahen Osten?

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Marburger Erklärung zur Homöopathie

(Beschluss des Fachbereichsrates vom 2.12.1992)

Nach den Plänen des Institutes für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen soll die „Homöopathie“ Teil des Gegenstandskataloges für das Medizinstudium werden.
Wir sagen hierzu nein.

Der Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg verwirft die Homöopathie als eine Irrlehre. Nur als solche kann sie Gegenstand der Lehre sein. In diesem Sinne reicht das Lehrangebot in Marburg aus. Wir sehen jedoch die Gefahr, dass man von uns „Neutralität“ und „Ausgewogenheit“ in diesem Stoffgebiet fordern wird, und sind nicht bereit, unseren dem logischen Denken verpflichteten Standpunkt aufzugeben zugunsten der Unvernunft. Wir betrachten die Homöopathie nicht etwa als eine unkonventionelle Methode, die weiterer wissenschaftlicher Prüfung bedarf. Wir haben sie geprüft. Homöopathie hat nichts mit Naturheilkunde zu tun. Oft wird behauptet, der Homöopathie liege ein „anderes Denken“ zugrunde. Dies mag so sein. Das geistige Fundament der Homöopathie besteht jedoch aus Irrtümern („Ähnlichkeitsregel“; „Arzneimittelbild“; „Potenzieren durch Verdünnen“). Ihr Konzept ist es, diese Irrtümer als Wahrheit auszugeben. Ihr Wirkprinzip ist Täuschung des Patienten, verstärkt durch Selbsttäuschung des Behandlers.

Wir leugnen nicht, dass sich mit „Homöopathie“ mitunter therapeutische Wirkungen erzielen lassen, wobei es sich um so genannte Placebo-Effekte handelt. Nun könnte man einwenden: was scheren uns Wirkprinzip und geistiges Fundament, wo es doch allein auf den Effekt ankommt. Nach dieser Logik müssten unsere Medizinstudenten auch in folgenden Gegenständen unterrichtet und geprüft werden: Irisdiagnostik; Reinkarnationstherapie; astrologische Gesundheitsberatung (Bedeutung der Sternzeichen für die Neigung zu bestimmten Krankheiten). Mit all diesen Methoden, deren Wirkprinzip die Täuschung ist, lassen sich nicht nur therapeutische Effekte, sondern auch beträchtliche Umsätze erzielen. Mit den geistigen Grundlagen der Philipps-Universität Marburg sind diese Methoden ebenso wenig vereinbar, wie es die „Homöopathie“ ist.

Wir behaupten keineswegs, dass die von uns vertretene Wissenschaft alles erforschen und erklären kann; wohl aber versetzt sie uns in die Lage zu erklären, dass die Homöopathie nichts erklären kann. Ein der Allgemeinheit von interessierter Seite eingeredeter Aberglaube mag dies anders sehen und sich Ausgewogenheit und Zusammenarbeit zwischen „Homöopathie“ und „Allopathie“ wünschen. Richtschnur unseres Handelns ist aber nicht ein in der Bevölkerung lebender und publizistisch geschürter Aberglaube, sondern die menschliche Vernunft, die uns sagt, dass die Worte „Homöopathie“ und „Allopathie“ nicht etwa einen Gegensatz, sondern eine einzige unsinnige Begriffswelt bezeichnen. Wir weisen darauf hin, dass an der Philipps-Universität Marburg auch keine „Allopathie“ gelehrt wird.

Wenn unsere Universität sich dazu zwingen ließe, den Lehrgegenstand „Homöopathie“ in neutralem Sinne anzubieten, würde sie ihren Auftrag verraten und ihre geistige Grundlage zerstören. Eine neutrale Ausbildung in „Homöopathie“ findet deshalb nicht statt und ist auch nicht einklagbar. Die Philipps-Universität Marburg wird darüber wachen, dass ihren Studenten aus dieser Haltung keine Nachteile bei Prüfungen erwachsen.

Gruppe beim "homopathischen Überdosieren"

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Homöopathie und Nationalsozialismus – Eine Symbiose

Euphorie und Goldgräber-stimmung herrschte in der Homöopathie während der Zeit des Nationalsozialismus. Gründe dafür waren einerseits, dass die Nationalsozialisten großes Interesse an der Homöopathie bekundeten, andererseits viele Homöopathen eine besondere Affinität zum  Nationalsozialismus verspürten. Im Rahmen der nationalsozialistischen Gesund-heitsreformen kam es zur Planung einer „Neue Deutsche Heilkunde“, einer Zusammen-führung der naturwissen-schaftlichen „Schulmedizin“ mit „biologischen Heilverfahren“ (u.a. Lebensrefombewegung und Homöopathie). Die „Neue Deutsche Heilkunde“ sollte die „Schulmedizin“ von angeblich jüdisch-marxistischen Elementen wie Reduktionismus oder kaltem Technizismus befreien und nebenbei auch noch Kosten einsparen, weil eine homöopathische Verabreichung in den meisten Fällen die wirtschaftlichste Form der Anwendung eines Heilmittels sei, soweit es sich um die echte, einfache Hahnemannsche Verordnung handelt,  wie Ministerialrat Eugen Stähle 1936 sinngemäß meinte. Schnittmengen mit der Homöopathie sahen die Nationalsozialisten in ihrer partiellen Wissenschaftsfeindlichkeit, der Betonung von Ganzheit und in der Volksverbundenheit.

So genoss die Homöopathie erstmals in ihrer Geschichte staatliche Unterstützung. An sieben deutschen Universitäten wurden Lehraufträge in Homöopathie erteilt. Die Zusatzbezeichnung „homöopathischer Arzt“ wurde eingeführt,  auf Erlass Hitlers wurden Professorentitel (z.B. an Ernst Bastanier, Hanns Rabe, Alfons Stiegele) verliehen. Während des „Dritten Reiches“ wurden dreizehn homöopathische Krankenhäuser gegründet, das bedeutendste davon war das Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus.

Die Homöopathen, insbesondere die homöopathischen Laienverbände, bekannten sich häufig begeistert zur nationalsozialistischen Bewegung. Schon im April 1933 sandte Immanuel Wolf, Vorsitzender des „Reichsbundes für Homöopathie und Gesundheitspflege“ gemeinsam mit anderen eine loyalitätsbekundende Ergebenheitsadresse an Adolf Hitler, in der die „uneingeschränkte Mitarbeit an der Gesundheit des Volkes“ angekündigt wurde. Aufsätze erschienen in der Laienzeitschrift „Homöopathische Monatsblätter“ zur „Rassenhygiene“ und zu Nationalistisch-Völkischem, sogar zum Wert der Homöopathie für die Behandlung von Erbkrankheiten. Kritische Stimmen kamen nur vereinzelt und vorwiegend, weil man „durch die Zusammenschließung mit anderen Methoden eine Verwässerung der Lehre und einen Verlust der Eigenständigkeit“ befürchtete.

Der Schriftleiter des Zentralvereins, Hans Wapler ließ in der Allgemeinen Homöopathischen Zeitung vom Oktober 1933 einen Brief vom 6. August 1933 an Adolf Hitler abdrucken, in dem zu lesen war: „Das Ähnlichkeitsgesetz gilt sogar in Politik und Völkerleben. So wird zum Beispiel das deutsche Volk ein Sklavenvolk bleiben und nicht wieder hochkommen, wenn es nicht lernt, dem Nationalbewusstsein der Polen, Tschechen, Engländer und Franzosen ein ähnliches völkisches Deutschbewusstsein entgegenzusetzen.“ Danach folgte ein Dank an Hitler: „Heil Ihnen und Heil uns, dass Sie in diesem Sinne das Ähnlichkeitsgesetz in der deutschen Politik so erfolgreich zur Geltung gebracht haben. Im deutschen Namen Heil!“

Die Euphorie dämpfte sich erst, als im Rahmen einer Untersuchung der Homöopathie im Auftrag des Reichsgesundheitsamts zwischen 1936 und 1939 festgestellt wurde,  dass die staatlich geförderten klinischen Versuche keinerlei homöopathischen Erfolg zeigen konnten. Der Internist und  Homöopath Fritz Donner verfasste den sog. „Donner-Bericht“ zur Untersuchung, indem er die Ergebnisse der Untersuchungen als „totales Fiasko“ bezeichnete. Der Homöopathieärzte-Vorsitzende Hanns Rabe musste deshalb eingestehen, dass Homöopathie keine pharmakotherapeutische Methode, wie bisher angenommen, sondern eine Form der Psychotherapie sei und möglicherweise alle von Samuel Hahnemann und seinen Nachfolgern bei Hochpotenzprüfungen ermittelten Symptome nichts weiter als Placebosymptome sind.

Aus einem Gedächtnisprotokoll von Fritz Donner: „Wahrheitsgemäß müsste man antworten, dass bei der Arzneiprüfung nichts herausgekommen ist und dass bei den klinischen Versuchen bei keinem einzigen Patienten eine irgendwie für eine therapeutische Wirkung der eingesetzten Arzneien sprechende Reaktion eingetreten ist.“

Quellen:

Matthias Wischner: Kleine Geschichte der Homöopathie. Forum Homöopathie, KVC Verlag Essen 2004, ISBN 3-933351-41-3, außerdem Esowatch und Wikipedia

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Homöopathie gegen EHEC?

Vergessen Sie`s! Ähnlich Erfolg versprechend wäre es,  die Kühlschranktür (= Kühlkammertür!) mit einem Gebet öffnen zu wollen.

Homöopathie ist grundsätzlich unwirksam, d.h. es ist keine über den Placeboeffekt hinausgehende Wirkung nachgewiesen. Sollten Sie jemals durch Homöopathie gesund geworden sein, haben Sie entweder einen „guten Glauben“ (Hier sollten wir gesondert mal darüber sprechen!) oder ihr Körper hat sich zufällig zeitgleich mit der homöopathischen Einnahme selbst erholt. Zwar macht allein die Dosis das Gift (Dosis sola venenum facit), wie Paracelsius wusste, aber noch lange nicht das Heilmittel. Ausgerechnet mit dem VERURSACHER etwas heilen? Ist das für Sie wirklich logisch?

Nun ist die Einnahme von wirkungsloser Laktose bei Krankheiten, die „von selbst wieder werden“, nicht schlimm, bei enterohämorrhagischen Escherichia coli-Bakterien (EHEC) bedarf es mehr als rituell geschütteltes Wasser mit Milchzucker, da riskieren Sie eindeutig zu viel! Die Beantwortung der Frage „Cui bono?“ erklärt Ihnen auch, warum der Homöopath ggf. anderes erzählt.

Die Zahl der gemeldeten EHEC-Infektionen und -Verdachtsfälle stieg innerhalb eines Tages, von gestern auf heute, bundesweit von rund 1500 auf 2000. Bislang fielen vermutlich 16 Menschen dem Bakterium zum Opfer. Grund für die ungewöhlich hohe Zahl der Infizierten und schweren Verläufe der Krankheit könnte ein durch Mutation entstandener, neuer Serotyp des Bakteriums sein.

Mein Rat: Konsultieren Sie bei “wässrigen Durchfällen” und “blutigem Stuhl” einen echten Arzt (Dr. med.), keinen Homöopathen!

Seriöse Informationen erhält man bei Louis Levy und z.B. hier:
 
Erkrankungen durch Enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC)
 
Verbrauchertipps: Schutz vor Infektionen mit enterohämorrhagischen E. coli (EHEC)
 
EHEC-Infektionen: Hygiene beachten

PS: Wer sich das Leben versüßen möchte  (z.B.“Edelweiss-Milchzucker“) muss nicht mehr als etwa 5 € pro Kilo zahlen, der Rest ist Wucher!

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Freiheit, Verantwortung und der Weg zum autonomen Akteur

so steht es zwar nicht im Titel, aber mit diesen Inhalten beschäftigt sich das Buch Das Handwerk der Freiheit im Wesentlichen, das der 1944 in Bern geborene Schweizer Philosoph Peter Bieri schrieb. Es ist sein philosophisches Hauptwerk.

Ich möchte mit diesem Blog, in aller Kürze, die für mich lukrativen Kerngedanken seines Hauptwerkes aufzeigen und diese für meine Gedankenwelt konservieren. Jeder, der meint aus diesem Exzerpt etwas ziehen zu können, ist herzlich zum Lesen eingeladen.

Das  2001 von Peter Bieri vorgelegte Buch Das Handwerk der Freiheit hat also die Freiheit zum Gegenstand und beschäftigt sich mit den Fragen, wie Willensfreiheit entsteht, was sie ist und wie sie sinnvoll gedacht werden kann. Durch seine aus dem Leben gegriffenen Beispiele besticht Bieri und kommt zu einer für philosophische Schriften besonderen Wirklichkeitsnähe und Allgemeinverständlichkeit.

Bieri führt uns in dem Buch zielsicher durch ein Labyrinth von Termini, alle im Zusammenhang mit dem Herzstück Freiheit, einem Begriff, der nur oberflächlich betrachtet selbsterklärend ist.

Selbst Jean-Paul Sartre spricht in seinem philosophischen Hauptwerk Das Sein und das Nichts, 1943 noch von absoluter Freiheit, einem nicht haltbaren Begriff, den er deshalb in seinen Spätjahren fallen ließ und bereits 1969 in die Nähe von Bieri`s Freiheitsbegriff korrigierte, als er sagte: „Freiheit ist jene kleine Bewegung, die aus einem völlig gesellschaftlich bedingten Wesen einen Menschen macht, der nicht in allem das darstellt, was von seinem Bedingtsein herrührt.”

Gemeinhin wird der Begriff Freiheit mit Unabhängigkeit, Unbedingtheit u.ä. assoziiert und daraus ein Widerspruch zu Kausalität und Bedingtheit konstruiert. Hierin liegt bereits einer der Hauptdenkfehler. Bieri nimmt uns bei der Hand und klärt prägnant darüber auf, warum diese Annahme falsch ist:

Ein absolut oder unbedingt freier Wille, der ohne Bedingungen, sozusagen losgelöst von unseren Gedanken, Empfindungen, Phantasien, Erinnerungen, ja sogar von unserem Körper unabhängig sein müsste, hätte nichts mit uns zu tun. Er ließe uns keine Entscheidung, zumindest keine, in die unser Willenbildungsprozess einfließen würde und deshalb unsere Entscheidung wäre. Es wäre eine Entscheidung, die uns geschähe oder zustoßen würde und daher eine Entscheidung, die ohne Freiheit oder ohnmächtig passieren würde.  Das teuflische an unbedingter Freiheit wäre also, dass sie keine Freiheit bzw. vollkommene Ohnmacht bedeuten würde. Falsch ist die Annahme eines Widerspruches zwischen Bedingtheit und Freiheit auch deshalb, weil die Bedingtheit oft falsch als „keine Freiheit“ verstanden wird, obgleich in der Bedingtheit doch alle unsere Attribute und Kennzeichen festgemacht sind, die uns ausmachen und deshalb unsere Entscheidung mit unserer Persönlichkeit färben. Es gilt zu verstehen, dass in der Bedingtheit zwar eine Begrenzung meiner Willensausformung nicht nur durch äußere Umstände, sondern auch durch Umstände in mir selbst liegt, diese jedoch keine Beeinträchtigung der Freiheit darstellt. Die bedingte Freiheit ist die einzige und unsere Freiheit. Wir sind frei, weil wir die Fähigkeit besitzen, unseren Willen in Abhängigkeit von unserem Urteil zu verändern!

Folgt man Bieri`s Denkbewegung, so kommt man zum Schluss, dass die Begrenzung des Wollens durch etwas, was vorausgeht, eben kein Hindernis für die Freiheit, sondern deren Voraussetzung ist.

Sind wir jedoch nicht im unbedingten Sinn frei, so scheint es als würde die Idee der Verantwortung und damit die Praxis des Bestrafens ihren Sinn und ihre Berechtigung verlieren. Verantwortung basiert einerseits auf der Kenntnis von Regeln des Sollen und Dürfen (= moralischer Maßstab), andererseits auf freier Wahl.  Die freie Wahl erfährt durch die Bedingtheit keine Behinderung, sie wird, wie wir sahen, durch sie erst möglich. Der moralische Maßstab hingegen, als die Summe unserer moralischen Erwartungen in Form von Vorschriften, Forderungen, Verpflichtungen, die unsere Beziehungen zu anderen Menschen prägen, ist schwer begründbar.  Werden unsere moralischen Erwartungen erfüllt, empfinden wir Respekt, Achtung, Bewunderung, Stolz, ist dies nicht der Fall, haben wir ein schlechtes Gewissen oder empfinden Reue, Scham etc. Bieri konstruiert deshalb im Zentrum des Buches einen Disput zwischen Raskolnikow, einer Figur aus Dostojewskis Roman Schuld und Sühne, und einem Richter. Raskolnikow, der, um an Geld zu kommen, einen Mord beging, behauptet vor dem Richter, er habe aufgrund seiner lückenlos kausal verknüpften Lebensgeschichte „nicht anders entscheiden gekonnt“. Der Mord sei die notwendige Konsequenz gewesen und er sei deshalb nicht für die Tat verantwortlich zu machen. Bieri entwickelt im Rahmen dieses Streitgespräches eine Argumentation des Richters, die leider auch nur einen schwer vertretbaren Standpunkt für Moral aufzuzeigen vermag, einen Standpunkt, den schon Kant nicht wirklich zu begründen wusste. „Wir – und die meisten von uns – haben den Wunsch, auf andere und Ihre Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen. Wir wollen aus diesem Wunsch heraus in dieser Lebensform leben und dulden es einfach nicht, wenn jemand so rücksichtslos handelt“, so spricht der Richter sinngemäß zu Raskolnikow.  Obwohl der längere Wortwechsel zwischen Raskolnikow und dem Richter Einblicke in die Moralphilosophie gewährt und deshalb durchaus lohnt, so ist das Ergebnis aus meiner Sicht, wie schon bei Kant, der zwar eine vernuftgebundene Moral, letztlich aber auch keine autonome Moral zu formulieren wusste, auch bei Bieri unbefriedigend.

Dass Bieri hier nicht ganz zufrieden stellen kann, ist nicht verwunderlich, wenn man weiß, dass Moral allenfalls über einen Nutzen vernünftig zu „begründen“ ist. Die Moralphilosophie erschöpft sich regelmäßig in rationellen Appellen an das Individuum, einzusehen, dass es auch in seinem Sinne günstig wäre, bestimmte Haltungen einzunehmen. Auf die Frage, ob man einen Menschen nicht schlachten soll, wenn zwei oder mehr andere Menschen durch seine „Ersatzteile“ gerettet werden könnten, findet man keine rationelle Antwort, die beweist, dass man das nicht soll. Unsere Antwort „Nein, das soll man nicht, weil wir das Individuum als so hohen Wert schätzen, dass wir, auch wenn fünf andere Menschen gerettet werden könnten, das nicht tun“, ist argumentativ nichts wert, sie ist nur eine Erinnerung an eine Wertschätzung und Moral, die schon vorhanden sein muss. Bringt jemand diese Wertschätzung nicht mit, ist man argumentativ am Ende.

So könnte ich mit Bieri insgesamt zu der simplen Antwort tendieren, dass Freiheit grundsätzlich und unmittelbar eine Verantwortung für den möglichen Handlungsspielraum nach sich zieht, und da spielt es keine Rolle wie groß die Bedingtheit der Freiheit ist, da erst Unfreiheit oder das Fehlen von Freiheit von der Verantwortung entbinden würde. Welche Moral dieser Verantwortung allerdings zu Grunde zu legen wäre, müsste in einem weiteren Werk erörtert werden.

Wesentlich Gewinn bringender wird Bieri wieder, wenn er uns das Handwerk der Freiheit detailliert aufschlüsselt. Es geht nicht nur darum, sich einen persönlichen Willen zu erarbeiten, sondern unsere ganze Persönlichkeit zu entwickeln. Indem wir durch Überlegen und durch das Spiel der Phantasie einen Willen ausbilden, arbeiten wir an uns selbst. Wir geben dem Willen ein Profil, das vorher nicht da war. In diesem Sinn ist man nach einer Entscheidung ein anderer als vorher. Die Aneignung des Willens geschieht in drei wesentlichen Schritten. Da ist zum einen die Artikulation, also das Fassen des Willens in Worte oder Bilder, zum anderen das genaue Verstehen der Herkunft und der Entwicklung unseres Willen. Im dritten Schritt folgt die Bewertung, ob ich mich mit meinen Wünschen identifiziere oder mich von ihnen distanziere, also für oder gegen meine Wünsche Partei ergreife. Je genauer die Artikulation und das Verstehen erfolgt, desto differenzierter wird die Bewertung ausfallen. Aus der Bewertung instrumenteller und substantieller Art, also der Unterscheidung von Wünschen die für mich funktional günstig sind und Wünschen, die ich unabhängig vom Nutzen möchte, folgt mein Selbstbild, d.h. welche Person ich sein möchte. Ein Wille, der zu meinem Selbstbild passt, bzw. mit dem ich mich identifizieren kann, ist ein freier Wille. Umgekehrt liegt in der Unstimmigkeit zwischen dem erträumten und dem tatsächlichen Selbstbild Unfreiheit, so Bieri. Bei der Artikulation und dem Verstehen handelt es sich um einen Erkenntnisprozess. Wachsende Erkenntnis bedeutet wachsende Freiheit für unseren Willen. So gesehen ist Selbsterkenntnis ein Maß für Willensfreiheit. Die Geschichte und gegenwärtige Struktur meines Wünschens bestimmt wiederum meine Person.

Dennoch greift auch die Sichtweise, dass die Freiheit des Willens in einer Übereinstimmung mit dem Selbstbild liegt, noch zu kurz, denn Wünsche und Selbstbild greifen organisch ineinander. So ist mein Selbstbild einerseits zur Bewertung meiner Wünsche unabdingbar, andererseits wird mein Selbstbild von meinen Wünschen erzeugt. Probleme kann es einerseits geben, wenn sich mein Selbstbild im Nachhinein verändert, andererseits kann es sein, dass eine bewertende Parteinahme aufgrund widerstreitender Wünsche dazu führt, dass keine Erzeugung des Selbstbildes möglich ist und der Maßstab fehlt.

Da sich unsere Wünsche, wie auch unser Selbstbild im Laufe der Zeit verändern können, ist die Aneignung des Willens und folglich auch die Arbeit an der Freiheit des Willens ein ständiger Prozess, in dem es gilt, den Abstand zwischen meinem Selbstbild und meinem Willen zu verkleinern.

Die Art und Weise wie Bieri uns sprachgewaltig, detailgenau und facettenreich innere Vorgänge näher bringen kann und dadurch hilft, zu selbstbestimmten, mündigen Menschen zu werden, ist grandios. Für mich als Existenzialist ist Bieri`s Buch, das über die drei angerissenen Kerngedanken noch weit hinausgeht, schon unmittelbar nach Zuschlagen des hinteren Buchdeckels zu einem festen, inkorporierten Bestandteil geworden. Ich kann es nur empfehlen.

Denn: Wer Bieri`s Buch gelesen hat, verfügt über alle Werkzeuge und Hilfsmittel sein Leben möglichst selbstbestimmt zu gestalten und das Handwerk der Freiheit in Vollendung auszuüben.

Quelle:

Das Handwerk der Freiheit – Über die Entdeckung des eigenen Willens von Peter Bieri, München, Carl Hanser Verlag, 2001, 448 S., ISBN 978-3-446-20070-8

Zum Autor:

Promoviert hatte Peter Bieri 1971 bei dem Gadamer-Schüler Dieter Henrich und bei dem Heidegger-Schüler Ernst Tugendhat. Nach Studien u.a. in Berkeley, Harvard, Heidelberg, Hamburg und Marburg lehrte Bieri ab 1993 Philosophie an der Freien Universität Berlin. Verärgert über den Universitätsbetrieb äußerte sich Bieri u.a. über die „inhaltlosen Fassaden“ und die „Diktatur der Geschäftigkeit“ an den Universitäten, gab folgerichtig 2007 seinen Lehrstuhl für Sprachphilosophie und Analytische Philosophie aus Protest gegen die Hochschulpolitik zurück und meldete sich vorzeitig in den akademischen Ruhestand ab. Die auf das Wort gefolgte Tat, hin zu mehr Selbstbestimmung, war für Bieri nur konsequent, denn „die Selbstbestimmung ist ein Ideal, dem es sich anzunähern gilt“, so Bieri.

Empfehlenswert: Wie wäre es, gebildet zu sein? von Peter Bieri

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